Selbstwirksamkeit und Performance

Die innere Haltung entscheidet

Schutz vor Traumatisierungen

Fragen und Antworten

Frage:
"Wie kann ich mich vor den Traumatisierungen meiner Klienten als Therapeutin selbst schützen?
Und wie vermeide ich Re-Traumatisierungen meiner Klienten durch die Behandlung?"
Lisa Waschk

Antworten:
Liebe Lisa,
diese beiden Fragen sind für mich die “Herzstücke” in der Behandlung mit RROMPC®. Deshalb kann ich jetzt zwar darauf eingehen, möchte aber bei Gelegenheit noch ausführlicher darauf zurückkommen. Egal ob Therapeuten, Ärzte oder Sozialpädagogen in Beratungssituationen, sie alle stellen diese Fragen zu Recht, ob sie über viel oder wenig Empahtie zu ihren Klienten verfügen. Manche benutzen die Fragen als Befürchtungen, um erst gar nicht mit einer Traumabehandlung zu beginnen und sich dem Verfahren des ROMPC® erst gar nicht zu stellen.
Nehmen wir die Theorie der Spiegelneuronen ernst, können wir behaupten, dass wir auf traumatische Erfahrungen unserer Klienten nicht nicht reagieren können. Ich gehe sogar soweit zu behaupten, dass wir die “Bilder”, die die Klienten uns schildern, abspeichern, auch wenn wir zunächst noch scheinbar emotionslos meinen damit umzugehen.
Das geschieht immer und überall – auch über das gesprochene oder gelesene Wort in den Medien.
Zum Beispiel: als ich hörte, dass ein Straftäter, der Kinder mißbraucht, aus dem Göttinger Knast ausgebrochen war, dachte ich sofort an meine Töchter und mußte sicherstellen, dass es ihnen gut ging.
Soviel zu all den traumatisierenden Bildern um uns herum. Und was machen da wir in diesen Situationen, die wir nicht kontrollieren können?
Ein Mittel ist sicher der Versuch, sich kognitiv zu distanzieren und so zu funktionieren wie immer, d.h. ich gehe zu meinen altbewährten Strategien, Therapieplanungen und langjährigen Erfahrungen zurück. Ich vergewissere mich selbst in mir und stelle damit vorläufig meine eigene Sicherheit her. Wenn das allerdings nicht klappt, und etwas sozusagen “subkutan” mich mehr betroffen hat, als mir lieb war, ich Bilder und Emotionen mitnehme und mich Gedanken dazu noch im Schlaf bewegen, hat es mich erwischt und ich habe etwas von dem Horror und der Ohnmacht – dem unkontrollierbaren Stress – meines Gegenübers aufgefangen.
Niemand kann gut mit Ohnmacht umgehen, schon gar nicht auf dem Gefühl sitzen bleiben, gerade in helfenden Berufen, wo es doch unsere Aufgabe ist, nicht Pillen und Untersuchungen sondern Lösungen bereitzustellen. Es ist ein Appell an unsere eigenen beruflichen “Größenphantasien” helfen zu wollen, der uns da trifft. Es ist aber auch die Resonanz unserer Spiegelneuronen, die diese Gefühle von Ohnmacht und Horror auffängt.
Zum weiteren: es kann immer dazu kommen, dass wir selbst an eigene erlebte Ohnmachtserfahrungen herangeführt, unsere eigenen regressiven Erlebnisse angetriggert werden.
Ziehen wir uns also den Zahn: wir können nicht nicht traumatisiert werden!! Denn wir können nicht nicht in Resonanz gehen.
Denn gerade dann, wenn wir glauben, etwas gut weggesteckt zu haben, können wir unter großem Stress abgespeicherte Bilder von Horror und Ohnmacht aktivieren und uns von ihnen so blockieren lassen, dass wir nur noch eingeschränkt reagieren können, total ausrasten oder uns drastisch zurückziehen.
Wie kann ich mich also selbst schützen, und zugleich zulassen, dass es keinen absoluten Schutz vor Traumatisierungen als Therapeut geben kann und geben muss?
Wie kann ich empathisch sein und dennoch in einer guten gesunden Distanz?
Ich versuche mal einige Antworten:
- ich muss über genügend positiven Ausgleich in meinem Leben verfügen, über gute mich “nährende” Beziehungen außerhalb der Arbeit;
- ich muss meine eigenen Ressourcen kennen;
- ich muss die Grenzen meiner Belastbarkeit erkennen – auch körperlich; mehr Achtsamkeit für mich selbst, ist die beste Prophylaxe!
- ich brauche selbst ein DU, das mich versteht und meine Unsicherheiten nicht als “Unprofessionalität” abwertet;
- ich muss mir selbst mit ROMPC® meine eigene Ohnmacht verzeihen können;
- ich muss bereit sein, mit ROMPC meine eigenen regressiven Anteile zu bearbeiten und zu lösen;
- ich muss in der Lage sein zu fokussieren und “eine Schneise in den Dschungel” zu schlagen - d.h. nicht zu viele Türen beim Klienten auf einmal aufzumachen.
Ganz persönlich kann ich sagen, dass mir mein theologisches Selbstverständnis auch dabei hilft.
Eine Methode der positiven Distanzierung sind die Sicherungsübungen aus der Traumatologie (sichere Orte, Licht, positive Erinnerungen) etc. und im ROMPC® “die offene Tür schließen”. Mehr dazu findest du hier.
Beispiel: Eine gesetzliche Betreuerin wird von einer suizidaler Betreuten dauernd angerufen; die Betreuerin kommt mit dem Gefühl: ich kann ihr nicht helfen … (realistische Ohnmacht) in Kontakt, auch wenn sie weiß, dass sie sie in die Psychiatrie einweisen muss – und dass diese Anrufe ein Kontaktinstrument sind.
Durch die ROMPC®-Behandlung der Ohnmacht der Betreuerin konnte sie sich wieder beruhigen und sich wissen lassen, dass allein ihr verständnisvolles Zuhören schon zur De-eskalation beiträgt … auch wenn es zum 170. Mal geschieht.
Die zweite Frage beantworte ich auch noch.
Kommt aber ein bisschen später.
Herzliche Grüße
Martina Erfurt-Weil

Liebe Lisa,
die Frage nach der Re-Traumatisierung hat mich auch lange Zeit beschäftigt. Ich habe unterdessen festgestellt, dass ich mit ROMPC® über ein ausgezeichnetes Handwerkszeug verfüge, Re-Traumatisierungen bei Klienten aufzufangen. Traumatisierungen entwickeln eine merkwürdige Eigendynamik. Sie machen sich lange Zeit über Symptome bemerkbar, ohne das der Ursprung derselben gleich erkennbar werden muss. In dem Moment, wo ich in der Behandlung an Traumawurzeln gelange, habe ich die Chance, den damit verbundenen Stress zu entkoppeln, durch mein Beziehungsangebot den Klienten zu stützen und ihn somit eine neue Lernmöglichkeit zu verschaffen, die es ermöglicht, sich vom Trauma besser und vor allem schneller emotional abzugrenzen. Wenn ein Trauma an die “Oberfläche strebt”, dann kann eine Re-Traumatisierung durch alles mögliche – eine Filmszene etwa -auch ausgelöst werden. Ich finde es deshalb sehr wichtig, den Klienten über Triggerwirkungen und Re-Traumatisierungen zu informieren, aufzuklären und Verhaltensabsprachen zu treffen. Die Klienten brauchen das sichere Gefühl, dass der Therapeut in der Lage ist, eine Re-Traumatisierung “aufzufangen” oder gegebenenfalls weiterführende Hilfen einzuleiten.
Herzliche Grüße
Annette Stoschek

Liebe Annette,
ich finde deine Antwort ganz prima und kann voll zustimmen.
Die Fragen nach Re-Traumatisierungen höre ich allerdings weniger im therapeutischen Umfeld als vielmehr bei Sozialpädagogen, Heilpädagogen etc., die sich manchmal noch scheuen, ROMPC® anzuwenden.
Der Begriff der Re-Traumatisierung erscheint mir daher noch etwas schwammig. Oft wird er in diesen Zusammenhängen so gebraucht, wenn jemand in hemmungsloses Weinen ausbricht – das durchaus der Situation angemessen sein kann, der Berater dabei aber hilflos bleibt.
Spricht die Angst vor Retraumatisierungen eher für die Hilflosigkeit der Berater? Haben ihre Ausbilder ihnen Angst gemacht ? Haben sie selbst unkontrollierbare Situationen erlebt? Ich bin noch auf der Suche nach Antworten.
Und sind sogenannte Re-traumatisierungen nicht manchmal sogar weiterführend und aufdeckend zu sehen, damit das Trauma sich endlich entfalten kann?
Der Begriff müßte mal geklärt werden.
Martina Erfurt-Weil

Liebe Martina,
mir ist noch etwas durch den Kopf gegangen zu Deiner Frage, ob die Angst Re-Traumatisierungen zu begegnen eher ein Problem von Sozialarbeitern sein könnte. Ich meine, Helfer, die an der Basis und vor Ort arbeiten, haben in aller Regel den ersten und besten Blick darauf, dass sich beim Klienten etwas verändert oder nicht mehr situationsangemessen abläuft. Auch ist oft hinreichend Hintergrundwissen da. Ich weiß aber, dass genau darauf von den Fachleuten sehr kritisch geschaut und oft genug geurteilt wird! Wenn ein Klient mit einer offensichtlichen Re-Traumatisierung in eine Behandlung kommt, wird recht schnell die Schuldfrage aufgeworfen, sei es vom Klienten selbst oder vom Arzt oder Therapeuten. Abwertungen wie “Hobbypsychologen” oder die Frage nach einer psychotherapeutischen Qualifizierung habe ich in manchen Fällen schon gehört. Sozialarbeiter erfahren sicher recht häufig, dass ihre Arbeit einerseits unterschätzt, andererseits gern kritisch betrachtet wird. Wenn das so ist -ich kann mich da ja irren – vielleicht ließt gerade ein Fachmann mit?!- dann gehört in die Weiterbildung der Basishelfer mehr Stützung, Selbstwertaufbau und Sicherheit im Umgang mit Notfallinstrumenten,wie zum Beispiel Methoden aus dem ROMPC -Sicherheit auch im rechtlichen Sinne, d. h. klare Abgrenzung von ROMPC® in der Therapie und vom Beratungssetting oder Coaching. Und andererseits fehlt es manchmal auch an Verständnis und Sachlichkeit auf der Seite der Behandler in Sachen Kooperation oder auch Vertrauen! Die vergessen manchmal, dass Re-Traumatisierungen eine eigene Dynamik haben und darunter ungehörte Geschichten darauf warten, bearbeitet, gehört und gesehen zu werden. Und da wird es wohl immer wieder auch die treffen, die vor Ort und am Fall”dran sind” – in welcher Weise auch immer.
Liebe Grüße
Annette Stoschek

Liebe Annette,
danke für deine Anregungen. Ich kann das wohl bestätigen, was sich da in Ausbildung und Berufsausübung an Abwertungen im Blick auf Erzieher und Sozialpädagogen manchmal so tummelt.
Das ist sicher ein wichtiger Hinweis. Ich habe eine interessante Buchempfehlung. Bin gerade dabei, es zu lesen: Irvin D. Yalom, “Der Panama Hut oder Was einen guten Therapeuten ausmacht”
Er ist ein alter Therapeut und beschreibt sehr gelungen, wie er seinen Patienten nachgeht und immer wieder ihre therapeutische Beziehung thematisiert….aber auch er ist nicht unfehlbar und beschreibt auch dies. Ein gutes Buch, was den Beziehungsansatz in Geschichten deutlich macht.
Und ich denke auch, dass es einen Beitrag liefern kann zu unserem Thema, wie wir mit Retraumatisierungen umgehen sollten.
Liebe Grüße
Martina Erfurt-Weil