Selbstwirksamkeit und Performance

Die innere Haltung entscheidet

Tablettensucht und ROMPC®

Fragen und Antworten

Frage:
"Immer häufiger kommen Patienten in die psychotherapeutische Praxis, die bereits eine längere medizinische “Karriere” hinter sich haben. Nicht selten stelle ich dabei auf Befragen eine “ärztlich verordnete” Tablettensucht fest. Jetzt bin ich auf einen erschreckenden Artikel in Spiegel Online zum Thema gestoßen, auf den ich Euch gerne aufmerksam machen will.
Der Titel des Artikels: “Deutsche Ärzte fördern Tablettensucht”. Diesen Artikel findet Ihr hier.
Es liegt mir fern, den ärztlichen Berufsstand zu diffamieren. Gleichwohl stellt sich für mich als ROMPC®-Therapeut die Frage, wie mit dem Phänomen der Tablettensucht in der täglichen therapeutischen Praxis umzugehen ist, zumal es ja bekannt ist, dass insbesondere Benzodiazepine die Wirksamkeit von ROMPC® unkalkulierbar machen.
Wie geht Ihr damit um?”
Thomas Weil

Antwort:
Lieber Thomas,
danke für deine Darstellung.
In der Praxis stelle ich zwei gegensätzliche Tendenzen fest: Zum einen werden Medikamente überkritisch abgelehnt, zum anderen zu willfährig benutzt. Wenn, wie bei einer Patientin, die seit Jahren Tafil als Bedarfsmedikation hat und die schon in der Pubertät Medikamente zur Stimmungsregulation eingenommen hat, das Medikament abgesetzt wird, kommt es zu Entzugserscheinungen, die nicht nur körperlicher Natur sind.
Die Erfahrung, "eine Tablette hilft mir im Notfall", hat dazu geführt, dass die Abwesenheit des Medikaments schon allein zu ausgesprochenen Unruhezuständen führt. Wenn die bestehende Angstsymptomatik sozial nicht aufgefangen werden kann, dann bleibt das ein Notnagel. Bei dieser Patientin liegt kein multipler Einsatz von Medikamenten vor.
Ich habe bisher diesem Problem nicht die oberste Priorität eingeräumt. Es ist aber ein Problem. Und es stimmt, die Wirksamkeit der Entkoppelungstechniken ist eingeschränkt.
Bei einem anderen Patienten, der niedrig dosiert seit einiger Zeit Tavor einnimmt, besteht trotzdem eine gute Wirksamkeit der Entkoppelungstechniken. Ihm ist bewusst, dass er vorsichtig damit umgehen muss und will und nur vorübergehend. Er ist bereits auf dem Weg der Besserung.
Wie oben geschildert, finde ich es schwierig, bei jemandem, der über längere Zeit die gute Wirksamkeit eines Medikaments erlebt hat, den dazu zu bringen, darauf zu verzichten. Damit nehme ich ihm Sicherheit.
Der größte Teil der Medikamentabhängigen kommt meiner Erfahrung nach nicht in die psychotherapeutische Praxis. Oder dies passiert erst nach Jahren, wenn die Tabletten auch nicht mehr helfen. Dann kann man therapeutisch durchaus erfolgreich arbeiten.
Die größte Schwierigkeit besteht meines Erachtens darin, bei erfolgreich wirksamer Medikation, diese einzuschränken, weil diese die passiv-rezetive Seite gut bedienen und etwas geben, was wir so in der Psychotheraie nicht zur Verfügung haben. Schließlich betrifft dies alle Süchte: Nur wer die praktische Erfahrung gemacht hat, dass die Substanzen nicht wirklich helfen oder einen zu hohen Preis kosten, ist bereit und in der Lage, darauf zu verzichten.
Es ist ein schwieriges Thema und wohl nicht ohne Unterstützung aus der Ärzteschaft zu bewältigen.
Heinz-Günter Andersch-Sattler