Selbstwirksamkeit und Performance

Die innere Haltung entscheidet

Erstverschlimmerung bei komplex Traumatisierten durch ROMPC®?

Fragen und Antworten

Frage:
"Ich arbeite in meiner Beratungsstelle häufig mit komplextraumatisierten Frauen.
Nach ROMPC®-Sitzungen ist mir mehrfach folgendes Phänomen aufgefallen: Nach der ROMPC®-Behandlung ist eine deutliche Verbesserung auf der Skala zu bemerken, verbunden mit körperlich beobachteten Entspannungszeichen. Reste im Sinne von weiteren Stressoren sind nicht aufgetaucht.
Während der nachfolgenden Termine taucht dann jedoch ein Phänomen auf, das ich mit dem Begriff der “Erstverschlimmerung” beschreiben möchte: Es geht den Klientinnen eine Zeitlang genau so schlecht wie zuvor bzw. auch noch schlechter.
Dann scheint auf einmal ein “Knoten” zu platzen und die Klientinnen wagen auch ohne weitere ROMPC®-Sitzungen ganz neue Verhaltensweisen.
Diese Zeitverzögerung bzw. “Erstverschlimmerung” in der Wirkung des ROMPC® beobachte ich bei KlientInnen mit anderen Diagnosen nicht so.
Haben andere KollegInnen dieses Phämomen bei komplex traumatisierten KlientInnen auch beobachtet?
Wie lässt sich das Phänomen erklären?
Wie arbeitet man am günstigsten weiter?"
Ute Lörcher

Antworten:
Liebe Ute,
in der Tat: eine solche Erstverschlimmerung bzw. zeitverzögernde Wirkung von ROMPC® ist bei komplex traumatisierten PatientInnen gelegentlich zu beobachten.
Ich erkläre mir dieses Phänomen mit dem komplexen Charakter der erlittenen Verletzungen. Das heißt: Viele Verletzungserfahrungen bilden einen limbischen Verknüpfungsverbund. Wenn wir beginnen, mit ROMPC® lösend zu intervenieren, kann es leicht geschehen, dass mit dem von uns focussierten Belastungsmaterial weitere Traumafacetten “empor gespült” werden. Der Vorteil ist, dass diese jetzt sichtbar werdenden weiteren Komponenten des traumatischen Gesamtverbundes einer Bearbeitung zugänglich werden. Der Nachteil ist, dass dies für die PatientInnen mit erhöhter De-Stabilisierung einher gehen kann und / oder zu einer subjektiven Erstverschlimmerung führt.
Deshalb ist es – gerade mit komplex Traumatisierten – so wichtig, zunächst stabilisierend zu wirken, indem wir den Behandlungstechniken des “horizontalen ROMPC®” zunächst Vorzug vor den eher aufdeckenden Techniken des “vertikalen ROMPC®” geben. Es geht also immer zunächst darum, die subjektive Stresstoleranz zu erhöhen.
Eine weitere Erklärung des von dir beschriebenen Phänomens sehe ich darin, dass es einen natürlichen Drang bei PatientInnen gibt, ihre “unerhörte Geschichte” mitzuteilen. Gerade dann, wenn wir als Therapeuten lösend intervenieren und der Schmerz und die Anspannung beim Patietnten nachzulassen beginnt, wird auch der Wunsch größer, weitere Aspekte ihrer Verletzungsgeschichte mitzuteilen, das heißt: in Beziehung zu bringen. Weitere Verletzungsaspekte, die bis dato unerhört, das heißt: ohne ein heilsames Beziehungs-Echo geblieben sind.
Somit wird, wenn wir erst einmal beziehungsvoll mit der Behandlung beginnen, leicht weiteres schmerzvolles Belastungsmaterial von den PatientInnen preisgegeben. Denn allzu lange haben sie darauf gewartet, einem liebevollen Du zu begegnen, das sie versteht und wohlwollend mit ihrem Schmerz umgeht.
Und noch eine Überlegung: Wir legen als ROMPC®ler großen Wert darauf, nicht an der “Oberfläche” zu arbeiten, sondern durch eine gezielte und differenzierte Fragetechnik, die “archimedischen Hebelpunkte” zu finden, an denen wir mit unserer Behandlung ansetzen. Denn das angebotene Problem ist meist nicht das Problem. Wenn es uns als Behandlern gelingt, den Behandlungsfocus angesichts der Komplexität der Traumatisierung der genannten PatientInnen möglichst eng zu fassen und die Mini-Aspekte der Traumatisierung zu adressieren – und zwar Schritt für Schritt – dann kann beobachtet werden, dass die “Streuwirkung” unserer Interventionen klein bleibt und es daher auch seltener zu dem Phänomen der Erstverschlimmerung kommt.
Die Streuwirkung unserer Interventionen ist nämlich mit dafür verantwortlich, dass übermäßig belastende Erinnerungen angetriggert werden, deren Fülle, die Behandlung erschwert. Deshalb denke ich: gerade bei komplex Traumatisierten ist kleinstschrittiges Arbeiten nötig. Wir müssen uns deshalb auf längere Behandlungsprozesse einstellen.
Ich hoffe, dir mit meinen Überlegungen weiter geholfen zu haben.
Mit herzlichen Grüßen
Thomas Weil

Liebe Ute Lörcher,
auch mir ist dieses Phänomen bekannt. Ich erlebe bei komplex Traumatisierten einen durchaus wechselhaften Prozess. In Ergänzung zu Thomas Antwort, dessen Überlegungen ich teile, sind solche traumatisierte Menschen besonders verletzlich, die Vulnerabilität steigt teilweise extrem an. D. h. die Bereitschaft, mit Stress zu reagieren, ist um ein Mehrfaches so hoch wie bei anderen Menschen. Dadurch können auch schon kleinere Irritationen große Ausirkungen bei der Stressbelastung haben. So erlebe ich, daß bedingt durch äußere, z. T. schwer beeinflussbare Auslöser es trotz intensiver Begleitung es immer wieder zu entsprechenden Symptomverstärkungen kommt. Wenn wir an das Bild mit den Spielgelsplittern denken, dann sind die bei komplex Traumatisierten auch in besonders großer Vielzahl vorhanden. So kann auch nach einer erfolgreichen Behandlung mit ROMPC® hinterher die Belastung aus mehreren Gründen steigen:
1. Wenn die gewohnte Stressbelastung ausbleibt, kann das allein schon einen Stress fürs innere System darstellen im Sinne davon, daß jede Änderung Stress bedeutet.
2. bisher nicht beachtete Spiegelsplitter werden mit aktiviert. Teilweise lässt sich das ja schwer steuern. Noch bevor wir mit unseremGroßhirn überlegen konnten, was da alles vielleicht berührt sein könnte durch unsere Worte, ist es auch schon geschehen. Die Stressreaktion ist eben schneller als unser Denken. Manches können wir durch horizontales Arbeiten, wie Thomas es beschrieben hat, abfedern, anderes bricht sich Bahn an die Oberfläche.
3. Es scheint so zu sein, daß das unbewußte Material von einem bestimmten Punkt der Entwicklung an, an die Oberfläche drängt und endlich gesehen werden will. Die Vorsicht wird außer Kraft gesetzt.
4. Viele dieser komplex Traumatisierten haben für ihr Überleben strenge Normen ausgebildet. Allein das Erzählen über die belastenden ERfahrungen kann gewissen Normen zuwider laufen. Hat die Traumatisierung früh in der Lebensgeschichte stattgefunden, sind die Abwehrmechanismen unreif, d.h. unflexibel und funken dann bei der Arbeit an den belastenden Erfahrungen dazwischen.
5. Und die diversen Netzwerke, in die hinein die belastenden Erfahrungen sich verwoben haben, können an ungeahnter Stelle immer wieder den alten Stress zu neuen Blüten treiben.
So bleibt mir nur zu sagen, daß die verschiedenen Technken und Methoden des ROMPC® ein wunderbares Hilfsmittel sind, dass aber auch damit die komplexen Verletzungen nur mit einem langen Atem geheilt werden können – Rückschläge eingeschlossen. Denn mindestens sind wir Therapeuten auch nur Menschen.
Mit herzlichen Grüßen
Heinz-Günter Andersch-Sattler

Liebe Ute,
bitte beachte unbedingt auch den Artikel von Heinz-Günter Andersch-Sattler im Fachartikel-Forum beachten. Er berührt die hier diskutierte Fragestellung und hat den Titel: “Stabilisierung schaffen”.
Mit herzlichen Grüßen
Thomas Weil

Liebe Ute,
danke für deine anregenden Hinweise.
Im Blick auf komplexe Traumatisierungen bin ich froh, dass ich von meinen Klienten viel gelernt habe, vor allen Dingen sehr sorgfältig und geduldig vorzugehen und die möglichen Dissoziationen ins Boot zu holen ... und nicht wild drauflos zu entkoppeln. Ich beziehe mich da auch auf die Bücher von Michaela Huber und ihre Beschreibung von dissoziativen Phänomenen, die die Trauma-aufdeckung behindern. Ich arbeite sehr sparsam mit dem Entkoppeln. Mehr mit der Herzmassage (NLZ) zum Akzeptieren der Ambivalenzen und Widerstände, manchmal zum Lösen von Wut und Autoaggression.
Mir ist ganz wichtig, die Beziehung aufzubauen durch Augenkontakt. Ich lese mehr in den Augen an Gefühlen ab, als dass ausgesprochen werden kann, und ich spüre genau den Beziehungsbedürfnissen nach z.B. geglaubt zu bekommen, dass es schlimm war. Die Klientin gibt das Tempo vor und steuert weitgehend den Prozess. Wenn ich mit ihren inneren Anteilen Kontakt aufnehme, kommt sie wieder und fast langsam Vertrauen. Ich verspreche ihr nicht, dass es eine schnelle Lösung gibt, aber, dass es eine Lösung geben kann. Ich bin sehr aufmerksam, wann sie aus dem Kontakt zu mir geht und spreche sie darauf an. Ich gebe ihr viel Erlaubnisse. Wir moderieren den Prozess gemeinsam. Sogenannte “Erstverschlimmerungen” erkläre ich bzw. lasse ich von der Klientin erklären. Dass sie dies in Beziehung bringt und anspricht und sich damit nicht alleine macht, bewerte ich sehr hoch. Damit schaffe ich die Rahmenbedingungen, dass sie sich auch auf Entkopplung einlassen kann. Es ist immer wieder ein spannender Prozess, in dem es wirklich auf die Beziehungsgestaltung ankommt. Ich lerne sehr viel von meinen Klienten… auch, dass ich nicht so viele von den komplexen Traumatisierungen “vertragen” kann. Ich bin sehr froh, dass meine therapeutische Praxis daher so vielgestaltig ist und auch andere Kliententhemen hat.
Dennoch sind diese Klienten die beste Lernherausforderung für uns alle. Ich bin ihnen dankbar dafür.
Alles Gute für deine Arbeit.
Martina Erfurt-Weil

Liebe Ute,
den Effekt einer “Erstverschlimmerung”, wie Du ihn nennst, habe ich sowohl bei traumatisierten Frauen als auch bei Klienten (männlich + weiblich) mit ausgeprägten psychosomatischen Beschwerdekomplexen unklarer Genese wahrgenommen. In allen Fällen war eine stationäre Trauma- oder Schmerztherapie vorausgegangen und in allen Fällen hat die Verschlimmerung nach weiteren Gesprächen – und sei es telefonisch gewesen – wieder nachgelassen im Sinne von einer empfundenen “Auflösung”. Meine Erklärung dafür findet sich in den Ausführungen von Hans-Günter sehr treffend wieder. Ich denke, das hat wirklich etwas mit der hohen Vulnerabilität gegenüber Stress im Sinne von jedweder Veränderung zu tun- vielleicht auch mit inneren Widerständen gegen Veränderung. Mich machen Deine Ausführungen jetzt aber dahingehend nachdenklich, ob bei den “Psychosomatikern”, an die ich da so konkret aus meiner Praxis denke, nicht vielleicht doch bisher unerkannte Traumatisierungen eine Rolle spielen könnten. Ich habe mir vorgenommen, dahingehend mal genauer mit dem Muskeltest zu arbeiten. Danke für Deine Anregung dafür! Werde mich nochmal melden, wenn ich zu neuen Erkenntnissen gekommen bin! Mich würde aber auch sehr interessieren, ob Dich die vielseitigen Antworten auf Deine Anfrage irgendwo praktisch weiterbringen.
Liebe Grüße
Annette Stoschek

Liebe Ute,
noch eine ergänzende Überlegung möchte ich gerne ansprechen: komplex Traumatisierte sind in der Regel deshalb komplex traumatisiert, weil die vielfältigen verletzenden Beziehungserfahrungen komplexer Natur waren.
Vielfältige verletzende Beziehungserfahrungen gehen mit in hohem Maße unsicheren Bindungserfahrungen einher. Das heißt: es ist zu vielfältigen Bindungsbrüchen gekommen.
In der Konzeptsprache des ROMPC® bedeutet dies: das "Beziehungsbedürfnis nach Vergewisserung" ist nachhaltig  gekränkt und missachtet worden. Heilsame Bindung kann nur durch kontinuierliche, das heißt: sich wiederholende Erfahrungen der Vergewisserung aufgebaut und entwickelt werden.
Wenn wir der ROMPC®-Philosophie folgen, die besagt "Wir sind durch Beziehung krank geworden, also werden wir nur durch Beziehung wieder gesund", dann kommt es bei einem nachhaltig verletzten Beziehungsbedürfnis nach Vergewisserung also darauf an, dass wir uns als ROMPC®-Anwender auf viele Wiederholungsschleifen der Vergewisserung bei unseren Klienten einstellen. Dies ist bei komplex Traumatisierten besonders evident.
Vor diesem Hintergrund könnte die sog. "Erstverschlimmerung" des Klienten auch als unbewusster Versuch des Klienten gewertet werden, um uns zu sagen: "Bleib in der Bindung zu mir! - Wiederhole das, was mir gut tut, damit ich es in mir verankern kann! - Gib mir durch deine beständige Bindung eine Chance, meiner Sehnsucht nach Bindung zu folgen und die Angst vor (verletzender) Bindung hinter mir lassen zu können!"
Mit herzlichen Grüßen
Thomas Weil