Selbstwirksamkeit und Performance

Die innere Haltung entscheidet

Macht Oxytocin auch aggressiv?

Fragen und Antworten

Frage:
“Die Ausschüttung von Oxytocin spielt in der ROMPC®-Behandlung eine Schlüsselrolle, wenn es darum geht, Trauma- und Stress-Blockaden limbisch zu entkoppeln und durch unkontrollierbaren Stresses beeinträchtigte Data-Processing im Gehirn wieder in Fluss zu bringen.
Jetzt habe ich gelesen, dass Oxytocin nicht nur als Kuschel- oder Liebenshormon wirkt, sondern die Ausschüttung dieses Hormons auch ihre Schattenseiten hat: Eine israelische Studie belegt, dass der Botenstoff negative Gefühle und aggressive Reaktionen begünstigen kann. Mehr dazu hier.”
Markus Herzog

Antwort:
Sehr geehrter Herr Herzog,
haben Sie herzlichen Dank, dass Sie mich auf die genannte Studie hingewiesen haben, die ich bis dato nicht kannte.
Die Ergebnisse dieser Untersuchung überraschen freilich nicht. Wenn – wovon wir in ROMPC® ausgehen – die Ausschüttung von Oxytocin Beziehungs- und Bindungssehnsüchte aktiviert, treten zwangsläufig auch die Beziehungs- und Bindungsängste mit auf den Plan. Denn es gibt keine Beziehung ohne Beziehungsrisiko: Wer sich für einen anderen Menschen öffnet oder auf ihn zugeht, geht das Risiko ein, verletzt zu werden.
Es ist deshalb naheliegend, das gestiegene Beziehungsrisiko bisweilen auch aggressiv abzuwehren: Tatsächliche oder vermutete Konkurrenten können dann als bedrohlich erlebt und bekämpft werden – und zwar in Abhängigkeit davon, wie die aktuelle Beziehungssituation interpretiert wird. Die positive oder negative emotionale Reaktionen, die durch Oxytocin jeweils verstärkt werden, sind also abhängig von dem aktuellen Beziehungskontext und der inneren Haltung, die die Betreffenden gegenüber dem Anderen einnehmen.
Interessant und geradezu bestätigend für die Wirksamkeit der ROMPC®-Entkoppelungstechniken ist allerdings eine andere Aussage der genannten Studie. Dort heißt es: “Wir gehen davon aus, dass das Hormon ein allgemeiner Auslöser für soziale Gefühle ist”, – so Simone Shamay-Tsoory, Forscherin an der Universität Haifa.
Oxytocin als “allgemeiner Auslöser für soziale Gefühle” trägt also dazu bei, dass …
- die stress- oder traumabedingt eingefrorenen inneren und äußeren Bewegungsprozesse verflüssigt werden,
- die stress- oder traumabedingt blockierten Beziehungsenergien frei gesetzt werden,
- der stress- oder traumabedingte Rückzug aus Beziehung aufgegeben wird und
- die stress- oder traumabedingte Schockstarre des betreffenden Individuums überwunden wird.
In diesem Zusammenhang empfehle ich Ihnen auch die Lektüre einer niederländischen Studie, die zu ähnlichen Ergebnissen gekommen ist. Diese Studie finden Sie hier.
Somit ist der Weg dazu frei, sich wieder in Beziehung zu setzen und in Beziehung auch zu gesunden.
Mit Blick auf die “dialogische Existenz” des Menschen (Buber) und vor dem Hintergrund der neurobiologischen Grundannahme, dass das Gehirn ein “soziales Konstrukt” sei, gehen wir als ROMPC®-Therapeuten davon aus: “Wir sind durch Beziehung krank geworden, also werden wir auch nur durch Beziehung wieder gesund.” Wenn es also darum geht, korrektive Beziehungserfahrungen zu machen, um daran zu gesunden und deshalb das Beziehungsrisiko wieder zu wagen, dann kommt dem Oxytocin auch weiterhin eine Schlüsselrolle zu.
Was die Studien allerdings nicht im Focus haben, ist, dass das Oxytocin in den durch die Hirn-Blut-Schranke getrennten hirnfernen und hirnnahen Kreisläufen eine unterschiedliche Rolle spielt: So wirkt es vor allem im hirnfernen Bereich, auf den Studie focussiert, entspannend auf die Muskulatur, während es im hirnnahen, das heißt: dem limbischen Bereich des Gehirns, der für die ROMPC®-Behandlung von zentraler Bedeutung ist, blockadelösend.
Wahrscheinlich sind es gerade diese besonderen Wirkphänomene des Oxytocin, die diesen Botenstoff zum “Gegenspieler” der Stresshormone Adrenalin und Cortisol werden lassen und in den hirnnahen limbischen Prozessen das behinderte Data-Processing wieder in Gang bringen und die emotionale Distanzierung unserer Patienten von ihrem belastenden Material bewirken. Die Ausschüttung von Oxytocin innerhalb des limbischen Systems wird vor allem in einem Klima von Wertschätzung und sozialer Akzeptanz begünstigt und nicht zuletzt durch geeignete rhythmische Interventionen erzielt, wie wir sie in Gestalt der ROMPC®-Entkoppelungstechniken nutzen. In diesem Zusammenhang beziehen wir uns auf die neurowissenschaftlichen Arbeiten von Moberg, K. U., The Oxytocin Factor. Tapping the Hormone of Calm, Love and Healing, Cambridge 2003.
Bitte beachten Sie auch meinen Artikel zum Thema im Fachartikel-Forum dieser Seite: “Winning People: Oxytocin - der Schlüssel zum Erfolg”.
Mit freundlichen Grüßen
Thomas Weil