Selbstwirksamkeit und Performance

Die innere Haltung entscheidet

Die Autonomie des Klienten

Thomas Weil

15.06.2006

Thomas Weil


Worum geht´s? 

Wenn es uns als Professionals gelingt, die eingestandenen und uneingestandenen Beziehungsängste unserer Klienten zu identifizieren, mit den Entkoppelungstechniken des ROMPC ent-ängstigend zu intervenieren und in der aktuellen Gestaltung der therapeutischen Beziehung ein “holding environment” (Winnicott) zu schaffen, in dem neue i. e. korrektive Beziehunsgerfahrungen gemacht werden können, dann leisten wir einen wertvollen therapeutischen Beitrag für unsere Klienten im Blick auf deren Persönlichkeitsentwicklung im Sinne wirklicher Autonomie.


Ziele von Therapie 

Die Frage wird immer wieder gestellt: Was ist das Ziel allen therapeutischen Bemühens? Die Antwort auf diese Frage kann mit einer doppelten Blickrichtung gegeben werden:

Der erste Focus orientiert sich an dem therapeutischen Auftrag, den wir von unseren Klienten erhalten. Wir fragen sie nach ihren Zielen. Manche Ziele sind realistisch, andere nicht. Darüber treten wir gewissermaßen in Verhandlungen, die die kontraktuelle Grundlage unseres professionellen Tuns darstellen. Dies tun wir am Anfang der Therapie und immer dann, wenn neue therapeutische Prozesse "eingeläutet" werden. Wenn es uns gelungen ist, “workable contracts” mit unseren Klienten zu schließen, dann zielt unser therapeutisches Bemühen auf die Erfüllung dieser Verträge. Kurz: Ziel unserer Arbeit ist Auftrags- bzw. Vertragserfüllung.

Der zweite Focus blickt - wenn man so will - über den "Tellerrand" der Klientenperspektive hinaus. Er lässt sich über die konkreten vertraglichen Ziele des aktuellen therapeutischen Prozesses hinausgehend von unserer professionellen Verantwortung für das Wohlergehen des Klienten leiten. Einer Verantwortung, die am besten wohl als „werte-orientiert“ und „langzeit-perspektivisch“ bezeichnet werden kann.

Ich denke, es ist unsere über den aktuellen Auftrag und Vertrag hinausgehende Verantwortung, uns als Therapeuten immer wieder zu fragen, welche therapeutischen Maßnahmen, die wir ergreifen, sind dazu geeignet, unsere Klienten in der Entwicklung ihrer Persönlichkeit weiter zu bringen. 

Vor dem Hintergrund eines beziehungsanalytischen Werte- und Bezugsrahmens kann die Entwicklung der Persönlichkeit allerdings nicht ein-Personen-psychologisch, sondern nur beziehungspsychologisch verstanden werden. Konkret bedeutet dies: Es geht immer auch darum, dass wir uns als Professionals bei jedem therapeutischen Schritt fragen, inwiefern dieser dazu geeignet ist, unsere Klienten in ihrer Beziehungsfähigkeit zu fördern, sie dabei zu unterstützen im Sinne der Befriedigung ihrer Beziehungsbedürfnisse (Erskine / Trautman) befriedigende Beziehungen einzugehen und diese im Sinne lebendiger Ich-Du-Beziehungen (Buber) wechselseitig befriedigend zu gestalten.

Leitmotiv "Autonomie" 

Mit Blick auf diesen zweiten Focus unseres therapeutischen Handelns kann unter werte-orientierten und langzeit-perspektivischen Gesichtspunkten die Entwicklung von Autonomie als zentrales Leitmotiv angesehen werden. Dieser Therapie-philosophische Ansatz des ROMPC® ist durchaus im Einklang mit den Wertevorstellungen der Transaktionsanalyse, die die Entwicklung von Autonomie als oberstes therapeutisches Ziel anerkennt (Berne). 
Autonomie wird hierbei verstanden als eine Trias von ...

  • Bewusstheit
  • Spontaneität
  • Intimität

Unter einer oben bereits erwähnten ein-Personen-psychologischen Betrachtungsweise ist es in der Vergangenheit bedauerlicherweise immer wieder passiert, diese Autonomie als individuelle Fähigkeit des Einzelnen zu verstehen, die ihn dazu befähigt, unabhängig zu sein, niemanden wirklich zu brauchen und alles alleine zu machen. Dieses Verständnis von Autonomie ist meines Erachtens eine Form narzisstischer Selbstüberhöhung. Ja, es nährt den narzisstischen Größenwahn. Beziehungsanalytisch betrachtet ist jede vermeintliche Autonomie, die sich als Selbstbezüglichkeit charakterisieren lässt, wohl eher als „Pseudo-Autonomie“ zu bezeichnen. 

Narzisstische Pseudo-Autonomie ist gesellschaftlich durchaus salonfähig. Man findet sie in allen Gesellschaftskreisen. Und in den höchsten Führungsetagen namhafter Firmen ist sie nicht unverbreitet - jedenfalls immer dann, wenn der, der dem Schmeichel der Macht erlegen ist, konstruktives Feedback verabscheut und es bevorzugt, sich nur noch mit Ja-Sagern zu umgeben. Pseudo-autonome Management-Entscheidungen haben dabei schon manches Unternehmen in Krisen gestürzt oder sogar ruiniert.

Autonomie - beziehungspsychologisch neu definiert 

Wenn wir den Autonomie-Begriff im Sinne des ROMPC® beziehungsorientiert fassen wollen, dann müssen wir dies im Blick auf die Beziehungsbedürftigkeit menschlichen Daseins tun, das heißt mit Blick darauf, dass wir als Menschen bei der Befriedigung unserer fundamentalen Beziehungsbedürfnisse auf andere angewiesen sind - und zwar unabhängig davon, ob wir diese anthropologische Abhängigkeit wollen oder nicht. In diesem Sinne habe ich den Autonomie-Begriff im Rahmen des ROMPC® beziehungsorientiert neu gefasst und wie folgt definiert: 

Autonomie ist die Fähigkeit, ...

  • sich in wertschätzender Anerkennung eigener und fremder Beziehungsbedürfnisse (Bewusstheit)
  • in freier Wahl (Spontaneität)
  • von einem Du abhängig machen zu können (Intimität).

Sich einzugestehen, andere zu brauchen, ist die Voraussetzung dazu, zu lebendiger Anteilgabe und Anteilnahme fähig zu sein. Sich in lebendigen Ich-Du-Beziehungen zu involvieren, macht allerdings verletzlich. Und so kommt es, dass das, was wir am meisten ersehnen (nämlich erfüllte Beziehung), gleichzeitig dies ist, was wir am meisten fürchten. Jeder hat seine eigene Verletzungs- und Kränkungsgeschichte, was Beziehungen betrifft. Vor dem Hintergrund dieser Verletzungen und Kränkungen haben wir gelernt, unangenehmen Situationen aus dem Weg zu gehen, um nicht von neuem traumatisiert zu werden. Diese Vermeidungen, die wir besser als "Schonhaltungen" bezeichnen, limitieren unsere Möglichkeiten, uns mit anderen wirklich einzulassen. Sie beeinträchtigen unsere Autonomie. Deshalb führen gerade die Strategien, mit denen wir in der Vergangenheit gelernt haben, uns vor Re-Traumatisierungen zu schützen, langfristig dazu, keine neuen Beziehungserfahrungen zu machen und in einer qualitativen Beziehungsarmut mehr oder weniger seelisch zu verkümmern.

Hier setzt ROMPC® an: Wenn es uns als Professionals gelingt, die eingestandenen und uneingestandenen Beziehungsängste unserer Klienten zu identifizieren, mit den Entkoppelungstechniken des ROMPC® ent-ängstigend zu intervenieren und in der aktuellen Gestaltung der therapeutischen Beziehung ein “holding environment” (Winnicott) zu schaffen, in dem neue i. e. korrektive Beziehunsgerfahrungen gemacht werden können, dann leisten wir einen wertvollen therapeutischen Beitrag für unsere Klienten im Blick auf deren Persönlichkeitsentwicklung im Sinne wirklicher Autonomie.