Selbstwirksamkeit und Performance

Die innere Haltung entscheidet

Wenn Diagnosen „krank“ machen: Das emotionale Dilemma und seine Behandlung

Martina Erfurt-Weil

19.08.2012

Martina Erfurt-Weil

Wenn uns etwas schmerzt, unternehmen wir etwas. Wir überprüfen Ursachen, Auswirkungen, stellen Vergleiche zu Beschwerdebildern her, nehmen Hausmittel und Schmerzmittel, ignorieren eine Weile oder schonen uns. Wir nehmen Einfluss. Stehen wir doch in der Tradition der Selbstverantwortung: „was du willst, das schaffst du auch“. Unsere „Selbstwirksamkeit“ zeichnet unseren Wert und unsere Würde aus. Sie ist der beste Schutz gegen Depressionen. Ohne Macht zu sein macht auf Dauer krank. Wenn wir uns in die diagnostische Maschinerie begeben müssen, beginnt die Geschichte des unkontrollierbaren Stresses.

Gibt es maligne Verdachtsmomente für die Beschwerden, lassen sich auftretende Ängste mit der Vernunft und guten Informationen nur schwer steuern. Die Ratio wird emotional unterhöhlt. Das Bedürfnis nach Unversehrtheit, Urvertrauen ins Leben und in den Körper wird massgeblich verletzt und erschüttert. Der ärztliche Diagnoseprozess löst eine Lawine von Ängsten aus, die kaum logisch und aussprechbar sind und mit großer Anstrengung unter Kontrolle gehalten werden. Diese Wirkung kann ein Arzt kaum verhindern.

Was da emotional anspringt, ist das so genannte limbische System in unserem Gehirn, das emotionale Bewertungszentrum und die Steuerungszentrale für Stress- und Erfolgshormone. Es aktiviert in hohem Maße Stresshormone und stellt sich auf höchste Gefahr ein. Dabei arbeitet es nach archaischen Mustern: Angriff  oder Flucht zur Abwehr von lebensgefährlichen Situationen. Tatsächliches Kämpfen gegen den äußeren Feind, wenn man eine Chance hat zu gewinnen, oder Flucht,  Weglaufen, um sich in Sicherheit zu bringen, wenn man eher verlieren würde.

Wie kann man allerdings gegen einen unbestimmten „Feind“ im eigenen Körper kämpfen oder vor ihm weglaufen ? Dieses Phänomen von unkontrollierbarem Stress habe ich erlebt und erlebe es immer wieder an Patienten, die mit einer Krebsdiagnostik oder einer bedrohlichen Herzerkrankung in meine Praxis kommen.

Ein sehr erfolgreicher kontrollierter Mann sagte mit tränenerfüllter Stimme: „Aber ich wollte doch noch die Früchte meiner Arbeit ernten.“ Ein anderer heiratete kurz vor der OP und machte sein Testament. Doch die Sorge um einen frühen Tod hat ihn bis heute, nach gelungener OP und Chemo, nicht verlassen. Das Schlimmste für ihn war die Prognose seines Arztes, der meinte, ihm die statistische Wahrscheinlichkeit seiner Mortalität mitteilen zu müssen. Solche gut gemeinten Informationen brennen sich in die Erinnerung ein. Bekanntlich erinnern wir Negatives eher als Positives. Unplanbare, überraschende negative Geschehnisse von großem Ausmaß bleiben wie das „Damokles-Schwert“ emotional hängen.

Unter diesem Druck  werden Stressbewältigungsmuster im Gehirn aktiviert, die im Laufe von Kindheit und Jugend erworben wurden. Eigene oder auch elterlich übernommene Strategien werden abgerufen. D.h. die Verarbeitungsstrategien in der Gegenwart sind zu differenzieren in  erwachsene lösungsorientierte Strategien, die mit dem Arzt kooperieren, und in regressive Muster, die in einen frühen Zustand, als die Welt noch in Ordnung war, zurückfallen möchten. Unter Umständen sind auch suizidale Gedanken dabei. Auch Wünsche, der Arzt möge das Versprechen geben und halten, dass er helfen kann und alles wieder gut wird.

In diesem Prozess der Diagnosestellung sind Ärzte und Therapeuten gefragt, die sich mit diesen regressiven Stress-Mustern auskennen.

Die Reaktionen der betroffenen Patienten gleichen den Phasen der Trauerbewältigung (nach Verena Kast):

  • Schock und Nicht-Wahrhaben-Wollen
  • Aufbrechen von heftigen Emotionen
  • Suchen und Finden
  • Sich neu orientieren und integrieren

Weil der Arzt diese Reaktionen nicht verhindern kann, muss er sich seiner eigenen Emotionen und Stressbewältigungsprogramme bewusst sein, um den Patienten verstehen und begleiten zu können. Er braucht eine gute Balance zwischen eigener Hoffnung und Zuversicht und eigenen Grenzen. Er braucht eine kommunikative Kompetenz.

David Servan-Schreiber, Neurologe und Psychiater, spricht in seinem Buch von der Notwendigkeit einer „neuen Medizin der Emotionen“. Der Arzt und die Therapeuten sollten mit „dem Herzen“ zuhören.

Während der Körper medizinisch therapiert wird, braucht die Psyche Impulse der Ent-Ängstigung, um sich zwischenzeitlich entspannen und stabilisieren zu können. Dauert das Erregungspotential der Angst im Nervensystem an, wird es weitere psychosomatische Reaktionen wie Konzentrationsstörungen, Depressionen, Schmerzen im Bewegungsapparat, Schlafstörungen, Herz-Kreislauf- und Magen-Darm-Störungen geben, die das Immunsystem zusätzlich schwächen. Unkontrollierbarer Stress in Form von Angst beeinträchtigt das ohnehin geschwächte Immunsystem. Dabei braucht der betroffene Mensch seine gesammelte positive Energie, um den Heilungsprozess einleiten zu können.

Man kann sich diesen doppelten Stress - nämlich den Kampf des Körpers gegen die Erkrankung und den Kampf der Gedanken und Gefühle gegen das Unkontrollierbare -  wie einen Geisterfahrer auf der Autobahn vorstellen. Im schlimmsten Falle gibt es einen Riesencrash. Das Immunssystem, das die körperfeindlichen Stoffe unschädlich machen soll, muss gleichzeitig die durch emotionalen Stress gebundenen Cortisole im Körper abbauen. Eine doppelte Überforderung.

Entspannung der Psyche ist dringend erforderlich. Entspannungsübungen und Selbsthypnose sind durchaus hilfreich. Sie lenken von den negativen Gedanken und Gefühlen ab, die allerdings durch die Hintertür z.B. in der Nacht wieder auftauchen.

C.G. Jung beschrieb in seiner psychotherapeutischen Arbeit die Notwendigkeit „der Integration des Schattens“. Er meinte damit, dass das Material, das verdrängt wird, solange wieder auftaucht, bis es sinnvoll ins Leben integriert wird. Die Gedanken und Gefühle, die Tod und Endlichkeit in uns auslösen, zuzulassen und damit sein Leben neu definieren zu können. Dies ist ein höchst emotionaler Prozess, den man nicht allein machen kann, sondern im Verbund mit heilsamen Beziehungserfahrungen.

In meiner psychotherapeutischen Praxis mache ich immer wieder die Erfahrung, dass das Miteinander Aushalten von Ohnmacht und Angst eine heilsame Wirkung hat. Ich lasse mich emotional betreffen, ich sehe den „Kampf“ meines Gegenübers mit Respekt und Anteilnahme. Ich spiegele seine verschiedenen Bewältigungsebenen und begleite ihn auch in die Zeit, als die Welt noch in „Ordnung“ war. Er darf sich „klein und hilflos“ fühlen, ohne sein Erwachsensein aufgeben zu müssen.

Ich unterstütze ihn mit dem Verfahren des ROMPC®, das mir in meiner langjährigen Praxis unverzichtbar geworden ist.
Die drei Wirkfaktoren dieses Verfahrens sind: 

  • heilsame Beziehungserfahrungen ermöglichen
  • emotionale Blockaden lösen
  • Handlungsalternativen entwickeln.

Häufig setzen die gut gemeinten Hilfen bei dem dritten Faktor an: „mach dies und mach das.“ Aus der Lernpsychologie wissen wir allerdings heute, es wird  nur das gelernt, was „unter die Haut geht“ und mich emotional tief im Inneren anspricht. Das sind heilsame Beziehungserfahrungen von außen, die Halt und Sicherheit geben, dem anderen glauben, ihn begleiten, wichtige - häufig unterdrückte -  Beziehungsbedürfnisse erfüllen.

Wir Menschen sind auf Beziehung angewiesen. Wir sind im tiefsten Inneren beziehungshungrige Wesen. Gerade in lebensbedrohlichen Krisen ähneln wir limbisch den Küken, die sich am liebsten unter dem Gefieder der Mutterhenne bergen wollen.

Liebevolle Zuwendung hat auf das limbische System des Patienten eine entspannende Wirkung, die wir noch verstärken, indem das emotional aufwühlende Thema benannt, das Belastenste ausgesprochen wird und dabei heilsame Entkopplungsreize durch sanfte Berührungen vor allem im Thymusbereich (Brustbein) ausgelöst werden, begleitet mit dem Satz: „Ich achte und akzeptiere mich und mein Leben, auch wenn ich meine Angst nicht besiegen kann.“ (als Beispiel).

Während des kreisenden oder klopfenden Berührens durch mich als Therapeutin  wird ein assoziativer Prozess im Patienten angeregt. Alles, was auftaucht, darf ausgesprochen werden. Dann stellt sich deutlich eine Entspannung ein, die es dem Patienten ermöglicht, seine Ressourcen und Selbstheilungskräfte wieder wahrzunehmen.

Der Patient geht in einem deutlich besseren Zustand nach hause, als er gekommen ist. Er hat das Gefühl seiner Selbstwirksamkeit zurückgewonnen und darf seine Angst als realistische Angst stehen lassen. Sie muss ihn nicht länger überfluten. Diese Übung kann der Patient auch zuhause anwenden.

Auf diesem gemeinsamen Weg lernen beide - Patient und Therapeut -  inneren Frieden, auch wenn der Ausgang der Erkrankung noch offen ist. Ein unverzichtbarer Bestandteil des Heilungsprozesses!