Selbstwirksamkeit und Performance

Die innere Haltung entscheidet

„Wenn Lernen zur Last wird“: Neurobiologie des Lernens und der Lernblockaden und deren Behandlung mit ROMPC®

Heinz-Günter Andersch-Sattler

01.07.2008

Heinz-Günter Andersch-Sattler

Worum geht´s? 

Seit die Erkenntnisse der Neurobiologie so stark gewachsen sind, wissen wir auch genauer, wie Lernen funktioniert, was Lernen unterstützt und was es behindert. Durch neuere Methoden wie ROMPC® können wir den Lernprozess unterstützen und Lernblockaden auflösen oder in ihrer Wirkung minimieren.

Lernen als dauernde Neuverschaltung 

Lernen ist ein Vorgang, der immerzu passiert. Lernen definieren wir als Vorgang von Neuverknüpfungen in unserem Gehirn. Das Lernen in diesem Sinne findet immer statt. Es ist nur nicht gesichert, dass wir immer das lernen, was wir lernen sollen. Einige sind beim Lernen sehr selbstbestimmt, richten ihre Aufmerksamkeit auf etwas anderes, als sie sollen, und lernen damit etwas anderes als ursprünglich z.B. vom Lehrer intendiert war. Lernen findet überall statt, es findet statt, ob wir in der Straßenbahn sitzen oder vor dem Fernseher oder ob wir uns tatsächlich in Lernzusammenhänge begeben – die oben beschriebenen Neuverschaltungen finden ununterbrochen statt. In diesem Sinne lernen wir immer, entdecken Neues, nehmen es in uns auf und behalten oder verwerfen es. 

Lernen neurobiologisch 

Lernen hat nichts mit Wissen zu tun, sondern mit Können. Beispielsweise können wir alle unsere Muttersprache sprechen, manche von uns auch eine Fremdsprache. Aber wer von uns kann schon genau die Regeln der deutschen Grammatik darstellen oder wer folgt den Regeln der Grammatik, die er sich vergegenwärtigt, während er spricht? D.h. manche von uns wissen jetzt etwas über die Grammatik des Deutschen, konnten aber schon vorher sprechen, und zwar richtig sprechen. Genau das ist das Können, für das wir nicht unbedingt ein Wissen brauchen. „Fast alles, was wir gelernt haben, wissen wir nicht aber wir können es“ (Spitzer 2002, S 59). Und manchmal wissen wir etwas ohne es zu können, beispielsweise wissen wir theoretisch, wie bestimmte Bewegungsabläufe sein sollen, ohne dass wir sie selber in Handlung umsetzen können. 

Um etwas zu können, müssen wir die dazugehörigen Handlungen mehrfach ausgeführt haben, d.h. nach neurobiologischen Erkenntnissen müssen wir Bewegungen mindestens zwölf Mal ausgeführt haben, bevor sie deutliche Spuren in unserem Gehirn hinterlassen, sprich: die Anfänge eines entsprechenden motorischen Musters. Um solche motorischen Muster zu perfektionieren, sind hingegen viele Stunden notwendig.

Selektive Aufmerksamkeit

Wir sind in der Lage unsere Aufmerksamkeit selektiv zu steuern. Dies trifft auch auf emotionale Vorgänge zu. Der Thalamus nimmt eine Vorsortierung vor für wichtige und unwichtige Aspekte der Wahrnehmung, die dann von dort aus weitergeleitet werden an Amygdala und Hippocampus. Dadurch werden z.B. störende Wahrnehmungselemente ausgeblendet. Wenn wir miteinander sprechen und gleichzeitig fährt ein Lastwagen vorbei, hören wir das Geräusch des Lastwagens nicht, weil es ausgefiltert wird, während wir es bei einer Filmaufnahme deutlich wahrnehmen würden. 

Angst und ihr Einfluss auf´s Lernen

Große Angst bewirkt zwar rasches Lernen, jedoch ist sie kognitiven Prozessen insgesamt nicht förderlich und verhindert zudem genau das, was beim Lernen erreicht werden soll, nämlich das Erlernte flexibel auf neue Situationen anwenden zu können. Evolutionsgeschichtlich hat die Art und Weise, wie wir mit Angst gelernt haben umzugehen, uns einen Evolutionsvorteil verschafft, nämlich indem wir nicht nur instinktgeleitet auf Angst reagieren, sondern unsere Angst auch so modellieren, dass wir einen situationsspezifischen Umgang damit finden können. 

Dieser Evolutionsvorteil wird zunichte gemacht in Situationen, die nicht mehr ohne Weiteres bewältigbar sind, für die wir keine Handlungsmöglichkeiten haben, d.h. dort, wo die Angst zu groß wird. Das Lernen durch Angst, das eben rasch erfolgt, wird von außen erzwungen. Was aber nicht durch Angst möglich ist, ist die Selbststeuerung in den Lernprozessen – wie oben bereits erwähnt –, das sich immer wieder neu Erfinden. So bleibt beim Lernen durch Angst das Gelernte abhängig vom Training.

Wenn Kreativität und Neuverknüpfungen erforderlich sind, ist Angst eher hinderlich, da sie zur Reproduktion des Erlernten führt, jedoch nicht zu Neuverknüpfungen. Lernen ist aber nicht dadurch gekennzeichnet, dass wir neue Fakten zur Kenntnis nehmen, sondern Lernen ist definiert dadurch, dass neue Verknüpfungen und Verschaltungen entstehen. Diese neuen Verknüpfungen ermöglichen es dem System – dem Organismus –, sich auf der Basis des neu Erlernten auch neu zu orientieren und selbst zu steuern.

Genau dieser Vorgang wird durch große Angst blockiert und verhindert. In diesem Sinne wird bei Lernen unter Angst und Druck zwar das rasche Ausführen einfacher Routinen erleichtert, aber das Assoziieren erschwert. Auch der oben beschriebene Prozess des eigenen Bildens und Extrahierens von Regeln für bestimmte Vorgänge und Verhalten wird durch Angst massiv behindert.

Was sind Lernblockaden und wie gehen wir damit um?

Lernblockaden existieren unabhängig von der Intelligenz. Sie tauchen dann auf, wenn der innere Prozess im Gehirn ins Stocken gerät. Die Amygdala setzt Alarmzeichen, der Datentransport von der Amygdala zum Hippocampus und von da aus zum Großhirn ist nicht mehr gewährleistet. Der mäßigende Einfluss der Kognitionen kann somit nicht greifen. 
Neurobiologische Störungen: kommt es zum Datenstau zwischen Amygdala und Hippocampus, dann kommt es zur automatisierten Stressreaktion. Diese besteht aus der Produktion von Adrenalin, Noradrenalin und – bei lang anhaltendem – Stress von Kortikoiden. Auf der Ebene des autonomen Nervensystems kommt es zur Aktivierung des sympathischen Teils, der auf Wachheit, Aktivität bzw. Angriff oder Flucht gepolt ist. 

Wodurch Lernblockaden entstehen, ist individuell sehr unterschiedlich, es können verschiedenste Vorgänge und Ereignisse sein. Der Vorgang auf der neurobiologischen Ebene bleibt ähnlich, nämlich wenn diese kritischen Ereignisse wieder berührt sind, dann ist das Lernen aufgrund der automatisierten Stressreaktion eingeschränkt. Das spiegelt die neurobiologischen Vorgänge, die wir vorher mit der Angst umschrieben haben, noch einmal deutlich wieder. So gibt es in unserem Bildungssystem verschiedenste psychosoziale Situationen, die ausgesprochene Stressoren darstellen. Zum Beispiel ist jede Prüfungssituation ein Stressor, d.h. neben der tatsächlichen Leistungsfähigkeit des Schülers, Studenten oder Probanden wird gleichzeitig dessen Stressresistenz getestet und jemand, der in solchen Situationen in irgendeiner Weise vorbelastet ist und mit ausgesprochener Angst reagiert, wird in solchen Situationen nicht seine volle Leistungsfähigkeit bringen können. Das trifft genauso auf Assessment-Center zu oder vergleichbare prüfungsähnliche Situationen in Arbeitskontexten. Jemand, der in der Öffentlichkeit bloß gestellt worden ist, als er einen Vortrag oder eine Präsentation gehalten hat, wird möglicherweise eine Blockade ausbilden, in der Öffentlichkeit aufzutreten und etwas vorzutragen. Es kann z.B. auch sein, dass jemand, der in Einzelsituationen gute Leistungen erbringt, sich in Gruppensituationen regelmäßig überfordert fühlt und nur minder leistungsfähig ist, weil er bestimmte einschränkende Gruppenerfahrungen gemacht hat. 

Fehler werden in unserem Bildungssystem als ein Mangel begriffen und als ein persönliches Versagen und nicht, wie wir es psychologisch sehen, als eine Lernchance, denn da wo sog. Fehler auftauchen, gibt es auch ein potentielles Lernfeld, das erschlossen und gefüllt werden kann. Sobald dieses Lernfeld jedoch mit Sanktionen verknüpft wird, treten die Mechanismen von Angst und Stress, wie wir sie oben beschrieben haben, in Kraft – mit allen entsprechenden Folgen. 

Der Sinn von Fehlern

In der Arbeit mit Lernstörungen haben wir damals immer, wo es möglich war, versucht herauszufinden, welchen Sinn die jeweiligen typischen Fehler haben. Wir haben auch die Familien angeleitet, einen anderen Umgang mit Fehlern zu wählen, nämlich einfach auch zu fantasieren über die Kreativität, die möglicherweise in einem Fehler steckt.

Was tun bei Lernblockaden?

Zusammenfassend können wir sagen, dass die drei Säulen des ROMPC® auch in Bezug auf Lernblockaden hilfreich sind:eine tragfähige Beziehung als „holding environment“ (Winnicott) legt die Grundlage für innere Stabilität und Sicherheit, die eine Bewältigung schwieriger Aufgaben und von hohem Stress enorm erleichtert;die Nutzung limbischer Entkopplungstechniken, die den Stress im limbischen System rasch senken können;das Angebot einer veränderten Sichtweise auf schwierig zu bewältigende Vorgänge, so dass sie leichter kompatibel werden mit dem, was wir schon wissen und als Regeln bereits in unserem Repertoire haben.