Selbstwirksamkeit und Performance

Die innere Haltung entscheidet

Das System der Spiegelneurone und die Entstehung von Introjekten

Heinz-Günter Andersch-Sattler

20.07.2013

Heinz-Günter Andersch-Sattler

Das System der Spiegelneurone

Das System der Spiegelneurone ist in verschiedenen Bereichen des Gehirns vertreten. Es imponiert dadurch, dass die Handlungen anderer Lebewesen virtuell mit- oder nacherlebt werden können. Dieses System ist auch schon bei Menschenaffen aktiv und ermöglicht, dass die Handlungen anderer virtuell vorweg- oder nachvollzogen werden können, was für Bauer (2005) Grundlage von kooperativer Tätigkeit darstellt, die es dem Menschen erst ermöglicht hat, seine Überlegenheit zu entfalten.

„Die Spiegelneurone repräsentieren die neuronale Basis eines Mechanismus, der eine direkte Verbindung zwischen dem Sender einer Botschaft und deren Empfänger herstellt. Dank dieses Mechanismus werden Handlungen anderer Individuen zu Botschaften, die durch einen Beobachter ohne jegliche kognitive Denkarbeit verstanden werden.“ (Rizzolati/Craighero (2004), S. 183; s.a. Rizzolati/Sinigaglia (2008) S. 133 ff) Diese Art des Verstehens durch virtuelle Imitation findet also zunächst auch ohne die kognitive Verarbeitung statt und führt dazu, quasi am eigenen Leib zu spüren, was mit der Handlung des anderen verbunden ist und welche weiteren Handlungsschritte von seiner Seite zu erwarten sind.

Ein wesentlicher neuerer Aspekt der Forschungen zu den Spiegelneuronen befasst sich mit der Dekodierung von Intentionen. Wie Iacoboni (2009) darlegt, ist die Aktivität der Spiegelneurone erhöht, wenn die Zielführung der Handlung erschlossen werden kann und insbesondere, wenn diese ein primäres Bedürfnis wie z.B. Trinken zum Ziel hat. (vgl. ebd. S. 86 ff.) „Wir aktivieren eine Kette von Spiegelneuronen dergestalt, dass diese Zellen eine ganze Sequenz von einfachen Handlungen simulieren (…), die sich zu einem Durchspielen der von der anderen Person intendierten Aktion addieren und damit deren Intention ganz einfach erfahrbar machen.“ (ebd.) Voraussetzung dafür ist, dass das prognostizierte Verhalten im Rahmen der Handlungsmöglichkeiten der Person liegt. So können wir beispielsweise das Bellen eines Hundes nicht so leicht in uns simulieren wie beispielsweise das Anheben einer Teetasse, die zum Mund geführt werden kann. (s. hierzu Gallese/Buccino (2010), S. 45 ff.)

Darüber hinaus ist interessant, dass eben nicht nur motorische Handlungen nachvollzogen werden, sondern auch Emotionen. Beispielsweise werden bei Gefühlen des Ausgeschlossenseins im vorderen Bereich des insulären Cortex Aktivitäten beobachtbar. Das ist derselbe Bereich, der bei Schmerz aktiviert wird. Wenn wir eine andere Person beispielsweise in einem Film als ausgeschlossen dargestellt sehen, werden in uns dieselben Areale aktiviert.

Mit Hilfe der Spiegelneurone erzeugen wir also in Echtzeit eine Kopie oder eine virtuelle Spiegelung von dem, was in einem anderen passiert, empfinden dessen Emotionen nach und erleben am eigenen Leib, was in dieser Person an motorischen Aktivitäten stattfindet. Das nennen wir Empathie.

Introjizierung

Bei der Introjizierung finden genau diese Vorgänge statt – übrigens schon in sehr frühem Alter. Diese Annahme ist in der Psychologie übrigens nicht neu. In seinen Forschungen hat Piaget deutlich belegt, wie stark ausgeprägt das Imitationslernen bei Kindern unter 7 Jahren ist. (s. ders. (1975), insbes. S. 21 ff.) Auch in verschiedenen pädagogischen Ansätzen spielt die Nachahmung für das Lernen eine große Rolle wie beispielsweise in der Waldorfpädagogik.

„Das Imitationsspiel des Säuglings mit der Mutter festigt die cerebrale Vernetzung der Spiegelneurone; dadurch entsteht Bindung und hält diese weiter aufrecht; die entstehende Bindung ist die Basis für die Fähigkeit zur Empathie, für die die Spiegelneurone die neurobiologische Basis sind.“ (Peichl (2007b), S. 260)

Ab dem 18. Lebensmonat ist das System der Siegelneurone voll entwickelt und kann auch komplexe Handlungen über die Spiegelneurone nachvollziehen. Bis zur Ausreifung kognitiver Denkprozesse bleibt dies die Basis zum Verständnis anderer.

Erst später kommt die Kognition mit ihrer größeren Differenziertheit hinzu. Diese ist allerdings auch zukünftig langsamer und wir sind häufig auf die Informationen von unseren Spiegelneuronen angewiesen.

In den ersten 3 Lebensjahren ist die rechte Gehirnhälfte dominant, der Austausch über den Corpus callosum noch nicht stark ausgeprägt. Ab etwa dem 7. Lebensjahr etabliert sich eine verbale Dominanz, die auf den Austausch zwischen rechter und linker Hirnhälfte angewiesen ist. Erst ab dieser Zeit können auch komplexere Handlungen kognitiv nachvollzogen werden.

Die rechte Hemisphäre ist neuronal weit verzweigt ins limbische System sowie in die Kerne des autonomen Nervensystems, ist so an den Stressreaktionen beteiligt und – je nach Qualität der Bindungserfahrung – werden die zugehörigen weiteren Strategien entwickelt. (s. hierzu Peichl ebd., S. 264) Da Gesichtsausdruck, Stimmlage, Tonfall, Gestik und alle sonstigen kinästhetischen Wahrnehmungen hier eingehen, wird hier entschieden, welche weiteren Handlungen vom Gegenüber zu erwarten sind.

Erhöhtes Zuwendungsverhalten fördert die Bildung von Serotonin. Dieses bewirkt eine chemische Veränderung an den Zellen im Hippokampus, die dazu führt, dass Cortisol leichter gebunden und damit weniger wirksam gemacht werden kann.

Durch weniger ausgeprägtes Bindungsverhalten nimmt die Rezeptordichte für Cortisol eher ab, so dass das Cortisol ungehinderter fließen und die Möglichkeiten des Hippokampus damit einschränken kann. Denn unter zu viel Cortisol schrumpft der Hippokampus und der Stresszirkel, durch die Amygdala ausgelöst und weiter gefördert, kann ungehindert weitergehen. (s. hierzu Buchheim/Betram (2010), S. 32 f.)

Ein Kind das positiv gebunden ist, wird eher bestätigende Antworten und positiv gefärbte Antworten der Umwelt antizipieren, ein eher negativ gebundenes entsprechend ablehnende, abwertende. Hier spielt die Bildung von Oxytozin noch eine entscheidende Rolle: Wer sich gut gebunden fühlt, produziert mehr von diesem Hormon, ist weniger anfällig für Stress und bringt anderen ein größeres Vertrauen entgegen bzw. kann deren Gefühlslage leichter und richtiger einschätzen. (s. Buchheim/Bertram, S. 38 f.)

Für ein Kind mit Gewalterfahrungen kann es von überlebenswichtiger Bedeutung sein, die Handlungen des anderen im vorhinein erwarten zu können, um sich innerlich darauf einzustellen. Für eher positiv gebundene Kinder ist es aber u.U. genauso wichtig zu wissen, wie sind Mutter und Vater heute gestimmt, was kann ich erwarten und wie kann ich die eventuell schlechte Stimmung weiter verarbeiten, ggf. vermeiden oder etwas tun, damit die Stimmung besser wird.

Die Spiegelneurone sorgen dafür, dass es für einen Moment zur Verwischung von Subjekt und Objekt kommt, „die Selbst- und Objektrepräsentanzen verschmelzen für einen Moment des einfühlenden Verstehens“. (Peichl, ebd., S. 258) Das Gefühl des anderen erleben wir an uns selbst. Der Vorteil, dass das schnell geschieht, hat den Nachteil, dass wir den anderen nicht objektiv erleben, sondern seine Resonanz in uns aktiv verarbeitet wird, indem das über die Spiegelneurone Vermittelte in den Zusammenhang der gesamten bisherigen Erfahrung gestellt wird. Dies ist sozusagen die neurologische Basis der Wirklichkeitskonstruktion. Darüber hinaus belegen unterschiedlichste Forschungen, dass die Bilder der Wirklichkeit in unserem Gehirn erst produziert werden. (s. hierzu z.B. Hoffman (2010)

Damit es zu keiner Diffusion der Ich-Grenzen kommt, ist es nötig, den Vorgang der Verschmelzung wieder rückgängig zu machen. Das gelingt aber nur, wenn die Erfahrung nicht traumatisch besetzt ist. D.h. die Ich-Funktion, Innen- und Außenwelt klar zu unterscheiden, Selbst und Objekt zu differenzieren, wird durch traumatische Erfahrung selektiv eingeschränkt oder sogar verhindert.

Normalerweise scheint der rechte inferiore Parietallappen für den Nachvollzug des anderen da zu sein, während dieselbe Region der linken Hemisphäre für die Selbstwahrnehmung zuständig bleibt. Über die unterschiedliche laterale Zuordnung kann so die Unterscheidung zwischen Selbst und Anderem vorgenommen werden. (s. Peichl, S. 265; die hier gemachten Darlegungen müssen als Hypothesen verstanden werden)

Das hat zur Folge, dass - wenn die Verschmelzung nicht reversibel ist - wie es in traumatischen Prozessen der Fall ist, die linke Hemisphäre nicht ausreichend in den inneren Arbeitsprozess einbezogen werden kann und die Distanzierung von der Verschmelzung nicht vollzogen werden kann. „Der im Innern des Opfers abgekapselte Teil repräsentiert den Mitvollzug der Handlung des Täters (‚Ich verstehe, was du tust.’), die Übernahme seiner entwertenden Sicht auf das Opfer und muss isoliert und abgespalten werden, da er so wenig zum gleichzeitig erlebten schmerzhaften Gefühl, ein Opfer zu sein, passt. Das Ziel dieses Anpassungsprozesses ist die Erhaltung des Selbst um jeden Preis und die Vermeidung einer psychotischen Dekompensation.“ (ebd., S.267)

Über die Spiegelneurone weiß das Opfer, wie sich der Täter fühlt, während es gleichzeitig simultan am eigenen Leib das Opfersein wahrnimmt. Das kann zu einer Konfusion zwischen Selbst und Objekt führen. Das ist um so stärker der Fall, je früher die Gewalthandlungen erlebt wurden, weil noch keine ausreichend tragfähige Abwehrstruktur da war.

Auch zu einem späteren Zeitpunkt kann dies bei schweren Traumatisierungen geschehen, weil in deren Zusammenhang eine Regression auf frühere Reifungsstufen stattfindet und die Wirksamkeit kognitiver Strukturen unterbleibt, also eine Gegensteuerung durch die linke Hemisphäre nicht möglich ist.

„Die nachdrücklichen Besonderheiten und die traumatischen Erinnerungen der frühen Kindheit werden in der rechten Hirnhälfte abgespeichert; sie sind unbewusst, emotional, somatosensorisch und wegen ihrer nonverbalen Codierung im Gedächtnis zeitlos; die Broca-Rinde der linken Hemisphäre bleibt bei der Wiedererinnerung inaktiv (van der Kolk).“ (ebd., S. 268)

Interessant ist nun, dass diese so gemachten Erfahrungen nicht einfach über die Zeit gleich bleiben, sondern sich auch noch weiter entwickeln und mit anderen Erfahrungen vernetzen können.

Literatur

Bauer, Joachim
Warum ich fühle, was du fühlst
Hamburg 2005

Buchheim, Anna / Bertram, Wulf
„Ain’t no sunshine when she’s gone“. 
Wie Bindung das Gehirn verändert
in: Hirnforschung Neu(ro)gierige
hg.v. Spitzer/Bertram
Stuttgart 2010, S. 28 ff.

Gallese, Vittorio / Buccino, Giovanni
Wir und die anderen. 
Von den Spiegelneuronen zum Mitgefühl
in: Hirnforschung Neu(ro)gierige
hg.v. Spitzer/Bertram
Stuttgart 2010, S. 43 ff.

Hoffman, Donald
Human Vision as a Reality Engine
in: Psychology Reader of the Foundation 
for the Advancement of Behavioral and Brain Sciences
2010

Iacoboni, Marco
Woher wir wissen, was andere denken und fühlen
München 2009

Peichl, Jochen
Die inneren Traumalandschaften
Stuttgart 2007

Piaget, Jean
Nachahmung, Spiel und Traum
Stuttgart 1969

Rizzolati, Giacomo / Sinigaglia, Corrado
Empathie und Spiegelneurone. 
Die biologische Basis des Mitgefühls
Frankfurt 2008