Selbstwirksamkeit und Performance

Die innere Haltung entscheidet

Überlegungen zum Muskeltest

Heinz-Günter Andersch-Sattler

20.08.2007

Heinz-Günter Andersch-Sattler

Worum geht´s? 

Der Muskeltest wird in der Kinesiologie als differenziertes Testinstrument genutzt. Im Rahmen einer ROMPC®-Behandlung machen wir gewöhnlich nicht von der Test- und Behandlungsvielfalt Gebrauch, die der Muskeltest - kinesiologisch betrachtet - eigentlich bietet. Die Funktion des Muskeltests als Instrument der Validierung und Verifizierung unserer Hypothesen im Rahmen von ROMPC® will sorgfältig reflektiert werden, zumal das Testverfahren nicht als objektiver Test betrachtet werden kann.

Dem Stress auf der Spur 

Wir sind keine Kinesiologen, bedienen uns aber trotzdem einiger ausgewählter kinesiologischer Methoden. Wir verstehen uns als ROMPC®-Therapeuten, Berater oder Coaches und nutzen unser psychologisches KnowHow über Gefühle und wie sich diese in der Kommunikation und den zwischenmenschlichen Beziehungen äußern. Wir schauen darauf, wie Beziehungen gestaltet werden, wie unsere Klienten zu uns in Beziehung treten und wie wir als Fachpersonen darauf reagieren können. Dabei haben kleinste Kommunikationseinheiten, die sog. „Transaktionen“ eine hohe Bedeutung, weil wir in Ihnen das große Ganze der spezifischen Belastungsmuster einzelner Menschen erkennen können bzw. uns ihnen nähern können. 

In diesem Zusammenhang benutzen kommt auch der Muskeltest ins Spiel. Mit seiner Hilfe können wir unsere Hypothesen über das, was den Klienten in der Tiefe bewegt, überprüfen und verifizieren. Außerdem lassen sich mit dem Muskletest Teilaspekte des vorgestellten Problems genauer spezifizieren – und zwar in einem Wechselspiel von Erzeugen und Initiieren bestimmter Kommunikationssituationen im Zusammenhang mit dem Testen von einschränkenden Einstellungen und Grundüberzeugungen, von Begleitsymptomen und dergleichen mehr. So kommen wir den Hauptstressoren des Klienten schneller auf die Spur. 

Wie genau ist der Muskeltest? 

Manchmal wird uns von kinesiologischer Seite vorgehalten: Unsere Art, den Muskeltest anzuwenden, sei ungenau. Sicher können wir hier als ROMPC®ler von der Kinesiologie methodisch noch Einiges lernen. Dennoch unterscheidet sich unser Verständnis des Muskeltests von dem Verständnis dieses Testverfahrens, das wir bei zahlreichen Kinesiologen vorgefunden haben: Für uns ist der Muslkeltest kein objektives, sondern ein subjektiv gesteuertes Testinstrument, das genauso anfällig für Abwehrprozesse ist, wie die menschliche Kommunikation insgesamt – und zwar Abwehrprozesse sowohl des Klienten als auch der behandelnden Fachperson. 

Davon abgesehen stellt sich bei uns bisweilen die Frage, wie es kommt, dass der Muskeltest manchmal nicht oder nur unscharf funktioniert. In der Art, wie wir den Muskeltest sehen und benutzen, haben wir es mit einem Beziehungsfeld zu tun, das vielfältigen Beeinträchtigungen ausgesetzt sein kann: So kann die Beziehung zwischen der Fachperson und dem Klienten gestört oder mit unausgesprochenen Irritationen belastet sein. Ebenso können Störungen wie Dehydrierung oder neurologische Desorganisation sowohl die Testperson als auch den Behandler betreffen. Wenn die zu testende Person dem Behandler persönlich nahe steht und der Behandler befangen ist, führt der Muskeltest oft zu ungenauen oder widersprüchlichen Ergebnissen. Die Beziehungsebene beeinflusst offenbar das Testergebnis, - zum Beispiel weil der Behandler bestimmte Testergebnisse wünscht oder fürchtet. 

Diese „Verfälschungen“ können in jeglicher Art von professionellen Beziehungen zwischen Klient und Fachperson auftreten; denn natürlich sind Behandler stets anfällig für ihre eigenen Wünsche und Befürchtungen. Dieser Umstand kann die Ergebnisse jedes psychologischen Testverfahrens beeinträchtigen oder sogar verfälschen. Solche Phänomene sind uns aus der psychotherapeutisxchen Praxis als "Gegenübertragungsreaktionen" bekannt. Hier haben wir auch gelernt, sie zu erkennen und damit umzugehen. Die Eigentherapie der Fachperson und ihre kontinuierliche Supervision sind geeignete Möglichkeiten, um zum Wohle der Klienten die durch den Professional induzierten Verzerrungen klein zu halten. 

Bei der Anwendung des Muskeltests sollten wir immer mit folgenden Variablen als Quelle von Störungen rechnen:Störungen, die vom Klienten ausgehen,Störungen, die vom Behandler ausgehen undStörungen, die in der beiderseitigen Beziehung wurzeln.

Konsequenzen 

Was bedeutet das nun für unseren Umgang mit dem Muskeltest? Wie oben erwähnt halte ich dessen Einsatz aufgrund seiner Wirksamkeit auf verschiedenen Ebenen für ausgesprochen sinnvoll:Die geläufigste Ebene ist die der Diagnostik: Diagnostik verstehen wir hier nicht als externe, objektive Erfassung von Kriterien, sondern vielmehr als dialogischen Vorgang, der sich im Laufe der Behandlung auch verändern kann und soll. Diagnostik ist zu begreifen in Analogie zum Vorgehen eines ethnologischen Feldforschers, der durch die Teilnahme an der Interaktion, diese kennen lernt und erkennt. Wie bereits oben erwähnt, stehen bei uns an erster Stelle diagnostische Hypothesen, die wir mit Hilfe des Muskeltests zunächst validieren, um dann die spezifischen Behandlungsaspekte genauer zu bestimmen bzw. die spezifischen belastenden Ereignisse herauszukristallisieren, die dann weiter behandelt werden.

Darüber hinaus ist der Muskeltest an sich auch schon eine Intervention, die beziehungsanalytisch reflektiert werden will: Das präzise Herausarbeiten von Stressfaktoren bei gleichzeitiger Validierung dieser Faktoren durch den Muskeltest ist genauso therapeutisch wirksam wie die Formulierung von Hypothesen, die ein wertvolles Instrument traditioneller Therapie- und Beratungsverfahren ist und bereits innere Prozesse beim Klienten verändern kann bzw. entsprechende Veränderung anregen kann. Ein Beispiel hierfür: Ein 7-jähriger junge war gemeinsam mit seinem Vater bei mir. Das Kind hatte ausgeprägte Ängste, die sich in Schlafmangel und Unruhe in der Schule auswirkten. Durch das Testen ließ sich herausarbeiten, dass die Belastung des Kindes damit zu tun hatte, dass der Vater die Familie verlassen hatte und der Sohn unsicher über die Beziehung zu ihm war. Als dies im Test deutlich wurde, entstand sofort eine große Nähe zwischen Vater und Sohn, und es bedurfte keiner weiteren Behandlung, weil infolge der Anwesenheit des Vaters das Beziehungsbedürfnis des Sohnes unmittelbar befriedigt werden und damit die Störung minimiert werden konnte.

Der Muskeltest wirkt auch wie eine Art Bio-Feedback auf den Klienten zurück: So erweist sich zum Beispiel mitunter beim Ermitteln der aktuellen Stressbelastung auf der Belastungsskala, dass die Klienten die Belastung höher oder niedriger eingeschätzt haben, als dies durch die Testung des Muskels angezeigt wird. Dies hat eine nicht unwesentliche Rückwirkung auf den Behandlungsprozess - und zwar im Sinne einer Beruhigung bei zu hoch geschätzter Belastung oder im Sinne einer realistischeren Einschätzung bei Verharmlosung. Allerdings muss die Rückwirkung nicht immer positiv sein. Sie findet jedenfalls statt und kann und muss in den Prozess der Behandlung integriert werden.

In diesen Zusammenhängen ist der Muskeltest für uns als Therapeuten, Berater und Coaches in ganz eigener, spezieller Weise hilfreich für den Behandlungsprozess.