Selbstwirksamkeit und Performance

Die innere Haltung entscheidet

Unrealistische Selbstansprüche

Thomas Weil

14.10.2007

Thomas Weil

Worum geht´s? 

Wenn wir mit der Erfüllung unserer Ansprüche nach Perfektion, Anstrengung, Eile, Stärke und Rücksichtnahme die Erwartung verknüpfen, uns Selbstwert, OKness und Daseinsberechtigung zu verdienen, dann existentialisieren wir den Stress der Aufgaben, die sich uns stellen, ins Unermessliche und haben vor dem Hintergrund unserer Selbstansprüche seelisch doch nur auf Misserfolg gebucht. Denn Selbstwert, OKness und Daseinsberechtigung kann man sich durch Leistungen weder erwirtschaften noch verdienen.

Programmierte Maßlosigkeit 

Es wäre naiv zu glauben, dass die vielfältigen Herausforderungen, die wir privat und beruflich zu meistern haben,

  • ohne ein gewisses Maß an Perfektion zu bewältigen wären,
  • uns nicht Mühe und Anstrengung abverlangen würden,
  • ohne das gebotene Tempo zu schaffen wären,
  • keine Entschlusskraft, Power und Stärke von uns verlangen würden,
  • nicht bisweilen mit erheblichen Anpassungsleistungen erledigt werden müssten.

Aber wenn wir mit der Erfüllung unserer Ansprüche nach ...

  • Perfektion,
  • Anstrengung,
  • Eile,
  • Stärke und
  • Rücksichtnahme

die Erwartung verknüpfen, uns Selbstwert, OKness und Daseinsberechtigung zu verdienen, dann existentialisieren wir den Stress der Aufgaben, die sich uns stellen, ins Unermessliche und haben vor dem Hintergrund unserer Selbstansprüche seelisch doch nur auf Misserfolg gebucht.

Denn Selbstwert, OKness und Daseinsberechtigung kann man sich durch Leistungen weder erwirtschaften noch verdienen. Das aber versuchen wir immer dann, wenn wir verletzungs- oder traumabedingte innere Defizite dadurch kompensieren wollen, dass wir uns innerlich dazu antreiben, über unsere Grenzen zu gehen oder zur Abwehr eigener Ohnmacht Zuflucht nehmen in den Größenfantasien des kindlichen Größenwahns. So kommt es zur "programmierten Maßlosigkeit".

Der innere Imperativ 

Um die vielfältigen Ausprägungen dieser programmierten Maßlosigkeit zu klassifizieren, hat T. Kahler eine Liste charakteristischer "Antreiber" zusammengestellt: 

  • "Sei perfekt!"
  • "Arbeite hart!"
  • "Sei schnell!"
  • "Sei stark!"
  • "Mach´s den anderen recht!"

Diese Antreiber sind "unrealistische Selbstansprüche", die uns und unsere inneren Dialoge vielfach beherrschen. Jedenfalls immer dann, wenn wir uns fern aller Realität zu Höchstleistungen antreiben und uns dabei konsequent überfordern. 

Die unrealistischen Selbstansprüche haben in unseren Selbstgesprächen meist imperativischen Charakter. Wenn wir diese oder vergleichbare Imperative innerlich rezitieren, versetzen wir uns und unser limbisches System in heftigen Stress. 

So lange wir unter dem Bann unserer unrealistischen Selbstansprüche stehen, kommen wir nicht zur Ruhe. Es ist uns fremd, wohlwollend und gelassen auf unsere Stärken und Schwächen zugleich zu blicken. 

Genauer betrachtet unterscheidet sich die kompensatorische Funktion der inneren Selbstansprüche - abhängig davon, ob wir sie von anderen übernommen oder selbst generiert haben.

Übernommene unrealistische Selbstansprüche 

Unrealistische Selbstansprüche können von anderen Menschen übernommen werden. Vorzugsweise handelt es sich hierbei um einen Personenkreis, den wir als "Elternfiguren" bezeichnen. Dies können die leiblichen Eltern sein oder andere Menschen, die für uns von Bedeutung waren, weil sie vorübergehend im wörtlichen oder übertragenen Sinn Elternfunktionen für uns wahrgenommen haben. 

Von diesen Elternfiguren können zum einen Ansprüche übernommen und verinnerlicht werden, die die Betreffenden einst an uns gerichtet haben und denen wir heute meinen, noch immer gehorsam Folge leisten zu müssen. In diesem Fall tun wir unhinterfragt heute das, was man damals von uns verlangte. Zum anderen kann es auch sein, dass wir in unserer Selbstansprüchlichkeit dem verinnerlichten Modell von Elternfiguren folgen und uns auf ähnliche Weise so unter Druck setzen, wie diese Elternfiguren es seinerseits selbst mit sich taten. In diesem Fall imitieren wir unhinterfragt heute noch immer das Vorbild, das man uns damals vorlebte. 

Klienten verraten uns, dass sie sich von übernommenen unrealistischen Selbstansprüchen leiten lassen, wenn Sie uns auf die Frage, woher ihre inneren Ansprüche stammen, sinngemäß sagen: "Das hat mein Vater von mir verlangt" bzw. "Meine Mutter war schon genauso wie ich" etc. Übernommene unrealistische Ansprüche sind wie "Fremdkörper", die wir verschluckt haben. Sie müssen heraus. Denn sie gehören nicht wirklich zu unserer Identität. 

Übernommene unrealistische Ansprüche unseres Klienten verraten uns auch, dass es ihm bis dato nicht gelungen ist, sich von seinen verinnerlichten Elternfiguren so abzugrenzen, dass seine eigenen Maßstäbe und sein eigener Wille zur Richtschnur seines Handelns geworden sind. Demzufolge mangelt es diesem Klienten in der Regel auch an der inneren Erlaubnis, sich aggressiv zu behaupten bzw. abgrenzen zu dürfen und an der inneren Freiheit, er selbst sein zu dürfen. Deshalb hat er auch Angst vor seiner eigenen Wut, die ihn dazu befähigen würde, in Auseinandersetzung zu gehen. Die hiermit verbundenen Ängste sollten daher im Zentrum einer entsprechenden ROMPC®-Behandlung stehen, um schließlich die Erlaubnis, ich selbst sein zu dürfen, innerlich zu verankern. 

Selbst-generierte unrealistische Selbstansprüche 

Unrealistische Selbstansprüche können - wie R. Erskine bemerkt - auch selbst generiert sein. Insbesondere bei den weit verbreiteten narzisstischen Beziehungsstörungen ist dies regelmäßig der Fall: Narzisstische Beziehungsstörungen sind das Ergebnis gestörter Beziehungserfahrungen der frühen Kindheit. Characteristika hierfür sind "schmeichelhafte Verführung" durch die Bezugsperson und Bindungsbruch. Die Herausbildung selbst-generierter innerer Ansprüche ist ein Versuch, das erlittene Beziehungsvakuum zu schließen, das durch die Elternfigur verursacht wurde. Die Folgen sind "Selbstbezüglichkeit" verbunden mit superlativistischen Selbstansprüchen: "Ich brauche niemand" - "Ich mache alles allein" - "Ich kann es ohnehin selbst am besten" etc. 

Selbst-generierte unrealistische Selbstansprüche werden häufig in einer gewissen Selbstverliebheit vor sich her getragen. Sie verraten uns, dass der Klient gewissermaßen "aus dem Nest gefallen" ist und seine Ohnmacht, Leere und Hilflosigkeit dadurch wettzumachen versuchte, dass er sich seinem inneren Superlativ unterwarf: der Beste, der Tollste, der Schönste etc. zu sein. Hierbei werden die unrealistischen Selbstansprüche in das narzisstische Größenselbst eingebaut, um den erlittenen Bindungsbruch, der in der Regel mit Verlassenheits-Traumatisierungen einher geht, kompensatorisch auszugleichen. 

Im Unterschied zu den übernommenen unrealistischen Selbstansprüchen, die durch konkrete Personen "aus Fleisch und Blut" hinterlegt sind, sind die selbst-generierten unrealistischen Selbstansprüche ein Produkt der kindlichen Fantasie. Und diese kennt bekanntlich keine Grenzen. Demzufolge gibt es, was die Erfüllung dieser Ansprüche betrifft, auch kein Genug. Man kann ihnen niemals genügen. Klienten mit selbst-generierten unrealistischen Selbstansprüchen, lassen sich also von einem "maßlosen Maß" leiten und sind für "Burnout" geradezu prädestiniert. 
Auf die Frage, woher ihre Ansprüche stammen würden, antworten diese Klienten meist: "Die stammen von mir. Die habe ich mir selbst gegeben. Wer denn sonst, wenn nicht ich." 

Im Hintergrund der selbst-generierten Ansprüche steht in der Regel eine tiefe Traurigkeit, die weder ausgedrückt werden konnte, noch vom Beziehungsumfeld des Klienten seinerzeit eine angemessene Antwort erfahren hätte: Die Traurigkeit, aus dem Nest gefallen zu sein und die Bindung verloren zu haben. Deshalb stehen alle Ängste, die sich darauf beziehen, die innere Traurigkeit zuzulassen und den erlittenen Verlust zu betrauern, im Zentrum einer entsprechenden ROMPC®-Behandlung. 

Heilung ist möglich, wenn es gelingt eine professionelle Ich-Du-Beziehung zu etablieren, in der die narzisstische Trauer wiederempfunden und ausgedrückt werden kann und der Abschied von der lieb gewonnen Illusion, die Vergangenheit könne ungeschehen gemacht werden, vollzogen wird. Durch den "Abstieg ins Reich irdischer Gewöhnlichkeit" lernt der Betreffende schließlich, versöhnt mit sich selbst zu akzeptieren, ein ganz gewöhnlicher Mensch zu sein. 


Literaturhinweise

Erskine, R. G. 
Introjection, Psychic Presence and Parent Ego States: 
Considerations for Psychotherapy, in:
Sills, C. and Hargaden, H. (Hg.)
Ego States: Key Concepts in Transactional Analysis,
Contemporary Views, 
83 - 108,
London, 2003 

Kahler, T. and Capers, H. 
The Miniscript, in:
Transactional Analysis Journal 4, 27-42, 
San Francisco 1974