Selbstwirksamkeit und Performance

Die innere Haltung entscheidet

Das Trauma-Verständnis des ROMPC®

Thomas Weil

14.03.2009

Thomas Weil

Worum geht´s? 

Der Charakter des Psychotraumas kann in seiner Entstehung und Wirkung wohl am besten neurobiologisch mit dem Phänomen des „unkontrollierbaren Stresses“ erklärt und beschrieben werden. Wenn also „unkontrollierbarer Stress“ eine entscheidende Voraussetzung dafür ist, dass man überhaupt von einer Psychotraumatisierung sprechen kann, dann erscheint es uns zwingend, den Psychotraumabegriff aus seiner engen Begrifflichkeit zu lösen und auf alle Verletzungsbilder zu beziehen, die diese Voraussetzungen erfüllen. Die Erweiterung des Psychotraumabegriffs innerhalb des ROMPC® will auch als Beitrag dazu verstanden werden, die Bearbeitung posttraumatischer Störungen in eben diesem erweiterten Sinn nicht länger zu seinem Sonderfall der Therapie zu machen, sondern ins Zentrum jeder therapeutischen Arbeit zu rücken.

Der klassische Psychotrauma-Begriff

Lebensbedrohliche Ereignisse die mit seelischer und / oder körperlicher Gewalt einher gehen wie sexueller Missbrauch, Vergewaltigung, Überfall, Folter, schwere Unfallereignisse, invasive medizinische Eingriffe, Natur- und Verkehrskatastrophen, plötzliche Verluste vertrauter Menschen oder der Verlust von sozialen Sicherheiten werden meist als Horror erlebt und können zu schweren Psychotraumatisierungen führen. Die Betroffenen sind geschockt und erstarren. Sie fühlen sich ohnmächtig, etwas zu tun, was dazu geeignet wäre, eine Lösung herbei zu führen. Gefühle von Angst und Panik begleiten in der Regel das blanke Entsetzen.

In ihrem „Lehrbuch der Psychotraumatologie“ (München 2003) definieren G. Fischer und P. Riedesser das Psychotrauma als „vitales Diskrepanzerlebnis zwischen bedrohlichen Situationsfaktoren und den individuellen Bewältigungsmöglichkeiten, das mit Gefühlen von Hilflosigkeit und schutzloser Preisgabe einhergeht und so eine dauerhafte Erschütterung von Selbst- und Weltverständnis bewirkt“. Kurz: Nichts ist für den Betreffenden nachher wie vorher.
Der klassische Psychotrauma-Begriff geht davon aus, dass es in der Regel äußere Ereignisse, das heißt: massive äußere Stressoren gibt, die eine entsprechende Traumatisierung auslösen und die in Folge für die sog. „Posttraumatischen Belastungsreaktionen“ verantwortlich sind. Diese Traumatisierungen können einfacher (bei einer abgegrenzten Einzelverletzung) oder komplexer Natur (bei Mehrfachverletzungen) sein. 

Der „unkontrollierbare Stress“ 

Der Neurobiologe G. Hüther hat in „Biologie der Angst. Wie aus Stress Gefühle werden“ (Göttingen 2005, 5. Aufl.) beschrieben, dass der „unkontrollierbare Stress“, das heißt: nur die spezielle Sonderform des sog. „Dis-Stress“, die die Betreffenden in die Situation versetzt, ohnmächtig zu sein und nichts machen zu können, zu Abschaltprozessen innerhalb des „limbischen Systems führt. Hiervon sind die „Pyramidenzellen“ des Hippocampus in besonderer Weise betroffen. 

Bei unkontrollierbarem Stress wirkt die Überflutung mit Stesshormonen nicht mehr anregend sondern hemmend. In den bäumchenartigen Verästelungen der Nervenzellen, den „Dendriten“, die für den Datentransport in den neuronalen Netzen unseres Gehirns verantwortlich sind, ziehen sich die Dendriten gewissermaßen „verschreckt“ zurück oder sterben sogar schlimmstenfalls ab. Die Fülle der eingehenden Informationen kann nicht mehr verarbeitet werden. Eine korrekte Einordnung der eingehenden Informationen ist nicht mehr möglich. Der Datenverarbeitungs-prozess gerät ins Stocken. Und schließlich kommt es zum „Datenrückstau“. Unverarbeitete Datenfragmente bleiben als „Datenmüll“ liegen und bewirken, dass sich die Amygdala, der Alarmgeber innerhalb des limbischen Systems, nicht mehr beruhigen und das belastende Material nicht mehr los werden kann. Auch wenn das belastende Ereignis längst vorüber ist, stehen die Betreffenden noch immer wie „unter Strom“. Lange zurückliegende Verletzungen finden keinen Platz in der Geschichte, sondern werden als gegenwärtig erlebt und kehren oft in Gestalt von „Flashbacks“ zurück. So Th. Weil, „Endlich frei von Stress. Innere Blockaden lösen mit ROMPC®“ (Kreuzlingen / München 2006). 

Der Psychotraumabegriff des ROMPC® 

Wenn wir im Sinne von G. Hüther davon ausgehen müssen, dass „unkontrollierbarer Stress“ eine konstitutive Komponente des Psychotrauma ist, dann erhebt sich die Frage, ob es nicht sinnvoll sei, den strengen Begriff des Psychotrauma zu erweitern. 

F. Shapiro, F. W. Kaslow und L. Maxfield gehen diesen Weg. In ihrem „Handbook of EMDR an Family Therapy Processes“ (New Jersey 2007) unterscheiden Sie die sog. „Big-T-Traumata“ von den sog. „Small-t-Traumata“. 

Die Big-T-Traumata entsprechen hierbei den o. g. Ereignissen, die der klassische Psychotrauma-Begriff in der Regel im Blick hat. Die Small-T-Traumata hingegen beziehen sich nicht auf die genannten Massivereignisse, sondern können durch sich wiederholende peinliche Ereignisse, Dauerstreit in der Familie, kontinuierliche kleinere oder größere Abwertungen, häufiger Misserfolg in der Schule, in Ausbildung und im Beruf u.v.m. ausgelöst werden. 

Small-t-Traumata sind in der Regel eine Folge kontinuierlicher Verletzungserfahrungen, die in einem subjeltiven Erlebensverbund stehen.
Dieser Sichtweise schließen wir uns im Rahmen des ROMPC® gerne an, wenn wir den Psychotraumabegriff auch auf die sog. „kleinen täglichen Giftspritzen“ anwenden. Das heißt: die vielen kleinen und großen „Nadelstiche“ und Verletzungen, von denen unsere Klienten immer wieder berichten. Verletzungen, denen sie ausgeliefert waren und gegen die sie sich nicht wehren konnten - kurz: Verletzungen, die ebenfalls unkontrollierbaren Stress generierten. 

Jedes dieser belastenden Einzelereignisse mag - für sich betrachtet - im Unterschied zu den Big-T-Traumata nicht sonderlich traumatisierend erscheinen oder gewesen sein. In Summe bewirkt jedoch die Fülle dieser sich wiederholenden Verletzungserfahrungen für die Betreffenden ähnliche Abschaltprozesse und Beeinträchtigungen innerhalb des limbischen Systems, verbunden mit durchaus vergleichbaren posttraumatischen Belastungsrekationen, wie wir sie von den schweren Traumatisierungen kennen. 

Darüber hinaus sollten wir den Traumabegriff allerdings nicht nur auf Außenereignisse beziehen, die eine aggressive Einwirkung auf den Betreffenden entfalten. Insbesondere dann, wenn wir im Rahmen des ROMPC® von den sog. „Verlassenheits-Traumatisierungen“ sprechen, gehen wir davon aus, dass Unterlassungen, Duldungen oder „Billigendes-in Kauf-Nehmen“ der Bezugspersonen auf Kinder ebenfalls traumatisierend wirken kann. Das heißt: traumatisierend ist in diesem Zusammenhang nicht die Tat, sondern der Umstand, dass nichts geschah, als etwas hätte geschehen sollen. Dass nichts getan wurde, als etwas hätte getan werden sollen. Kinder, die ...vernachlässigt wurden, weil ihre Eltern zu sehr mit sich selbst beschäftigt waren,sich selbst überlassen wurden,mit Schmeichel „Das kannst du allein. Du brauchst mich ja nicht“ - „Du bist doch schon groß“ verführt und ihrer Kindheit beraubt wurden,denen keine heilsamen Grenzen gesetzt wurden und die sich in ihrem „kindlichen Größenwahn“ grenzenlos überfordern,ihre Eltern „erlösen“ wollen und stellvertretend deren Probleme tragen,haben in ihrer späteren Therapie oft Mühe, sich zu erinnern, wie sie verletzt und traumatisiert worden sind. 

Wenn diese Klienten uns später sagen „Da muss etwas gewesen sein, aber ich kann mich an nichts erinnern“, dann ist die vermeintliche Unfähigkeit, sich zu erinnern, nicht die Folge einer Verdrängung, sondern die korrekte Erinnerung: Die Bezugsperson war eben nicht da, als das Kind sie bitter gebraucht hätte. Und deshalb gibt es auch nichts zu erinnern, obwohl im subjektiven Empfinden der Betreffenden sich jede auch noch so schlechte Erinnerung rückblickend besser anfühlen würde, als das Nichts und die Leere, in die sie in diesem Zusammenhang blicken. 

Wie wir uns selbst psychotraumatisieren 

Auch auf die Gefahr hin, dass man uns als ROMPC®-Therapeuten einen inflationären Umgang mit dem Traumabegriff nachsagt, haben wir uns im Rahmen unseres Verfahrens dazu entschlossen, nicht nur mit Blick auf die bekannten äußeren Stressoren von Psychotraumatisierungen zu sprechen. Psychotraumatisierend wirkt unseres Erachtens auch der „hausgemachte Stress“, das heißt: der Stress, den wir uns innerlich selbst bereiten - jedenfalls dann, wenn dieser die ebenso die Voraussetzungen des unkontrollierbaren Stresses erfüllt.
Innerer Stress ist den Tieren, die sich von ihrem limbischen System leiten lassen, in der Regel fremd. Sie sind nicht dazu in der Lage, innere Dialoge zu führen und sich dabei auszumalen, was alles passieren kann. Dank unseres Frontalhirns verfügen wir Menschen im Unterschied zu den Tieren allerdings nicht nur über kommunikative Fähigkeiten, die wir nach außen richten. Sondern wir sind auch dazu in der Lage, uns innerlich gewissermaßen selbst über die Schulter zu schauen und unsere inneren Selbstgespräche zu führen. Ebenso können wir uns in inneren Bilder und Fantasien vor Augen malen, was einmal geschah oder in Zukunft geschehen könnte.

Im Dialog mit uns selbst sind wir ebenfalls in der Lage, unseren inneren Stress zu eskalieren, indem wir belastende Situationen in unseren Fantasien vorwegnehmen und uns mit unseren inneren Selbstansprüchen selbst unter Druck setzen. In diesem Fall sprechen wir vom „hausgemachten“ Stress. Der innere Stress, den wir uns selbst generieren, steht dabei dem Außenstress, der über uns herein bricht, in keiner Weise nach. Wenn wir uns innerlich „die Hölle selbst heiß machen“, dann können wir ähnlichen unkontrollierbaren Stress produzieren, der in identischer Weise psychotraumatisierend wirkt.

Folgende Komponenten des „hausgemachten“ Stresses, mit dem wir unser limbisches System in Aufruhr bringen bzw. in Aufruhr halten, werden im ROMPC® in Anlehnung an Konzepte der Transaktionsanalyse unterschieden und bieten wertvolle Ansatzpunkte für die Behandlung:

Superlativistische Selbstansprüche im Blick auf ...

  • perfekt sein
  • schnell sein
  • sich Mühe geben
  • stark sein
  • es anderen recht machen

Galoppierende Gruselfantasien wie ...

  • Befürchtungen darüber, was andere von mir denken
  • Befürchtungen darüber, wie andere sich mir gegenüber verhalten
  • Befürchtungen darüber, dass es schlecht ausgeht für mich

Einschränkende Grundüberzeugungen im Blick auf ...

  • mich selbst
  • meinen Erfolg

Der Versuch, den unkontrollierbaren Stress kontrollierbar zu machen 

Wenn der Kontakt mit uns selbst, mit den anderen oder mit der Wirklichkeit um uns herum nachhaltig als bedrohlich erlebt wird, wenn wir im Kontakt mit dem inneren und äußeren Stress die Herausforderungen, die sich uns stellen, nicht mehr bewältigen können, dann entwickeln wir Strategien, die uns helfen sollen, diesen Kontakt zu unterbrechen oder ganz zu vermeiden - die so genannten „Kontaktvermeidungsstrategien“. Dabei handelt es sich um „Frontalhirn-geleitete Schonhaltungen“, die mit den o. g. Blockierungen innerhalb des limbischen Systems einher gehen.

Diese Kontaktvermeidungsstrategien haben zwar den entscheidenden Vorteil, uns im Sinne des Sprichworts „gebranntes Kind scheut das Feuer“ davor zu bewahren, uns in dieselben oder in ähnliche Gefahrenregionen erneut zu begeben. Andrerseits legen sie uns ein Leben auf „Sparflamme“ nahe: Wir nutzen nicht mehr die Möglichkeiten und Chancen, die wir hätten, wenn es die lebensgeschichtliche Notwendigkeit dieser Einschränkung für uns nie gegeben hätte. 

Die besondere Tragik dieses auf Einschränkungen beruhenden vermeintlichen Lösungsweges ist hierbei, dass die Kontaktvermeidungsstrategien zu stereotypen Mustern des Denkens, Fühlens und Handelns werden, die – wenn erst einmal in unserer Psyche installiert – spezifische neuronale Verschaltungen und Verknüpfungen in unserem Gehirn festigen, die fortan breit angelegten „Datenautobahnen“ vergleichbar von uns bevorzugt benutzt bzw. befahren werden. Manchmal so zügig und rasch, dass wir dessen gar nicht bewusst werden, einem „Fahrplan“ zu folgen, den wir unter dem unkmontrollierbaren Stress längst vergangener Tage notvoll entwickelt haben.

Im Rahmen einer ROMPC®-Behandlung werden in Anlehnung an P. Clarkson „Gestalt Counselling in Action“ (London / Newbury Park / New Dehli 1991, 3. Aufl.) folgende Kontaktvermeidungs-strategien identifiziert und behandelt:sich von den eigenen Empfindungen und Gefühlen trennenProbleme verharmlosensich mit dem Aggressor identifizierenanderen Feindseligkeit unterstellenden Konflikt in den Körper verlagernin Selbstgespräche gehenmit anderen verschmelzen

Primär- und Sekundärtraumatisierungen 

„Trauma ist ansteckend. Der Therapeut wird in seiner Rolle als Zeuge von seinen Gefühlen oft geradezu überwältigt. Etwas weniger intensiv als der Patient lebt er dessen Gefühle von Angst, Wut und Verzweiflung ebenfalls durch“, schreibt J. Hermann in ihrem Buch "Die Narben der Gewalt. Traumatische Erfahrungen verstehen und überwinden" (Paderborn 2006). 

Sekundärtraumatisierungen können bei Hilfspersonen, die sich mit Trauma-Opfern befassen, ähnliche posttraumatische Belastungsstörungenm provozieren, wie wir dies von den eigentlichen Betroffenen, den Primärtraumatisierten, kennen.

Seit den Veröffentlichungen von J . Bauer „Warum ich fühle, was du fühlst. Intuitive Kommunikation und das Geheimnis der Spiegelneurone“ (München / Zürich 2006), wissen wir jetzt auch neurobilogisch, weshalb das so ist: Spezielle Nervenzellen innerhalb des limbischen Systems, die sog. Spiegelneuronen“ sind resonanzfähig. Sie statten uns mit der Fähigkeit aus, uns in andere Menschen einzufühlen, in Bindung zu gehen, Beziehungen aufzunehmen und aufrecht zu erhalten.

Als menschliche Spezies, die zur Gattung der Säugetiere gehört, sind wir auf Beziehung hin angelegt: „beziehungshungrige“ Lebewesen, die sich von ihrem Beziehungshunger leiten lassen. Neben die Sehnsucht nach Beziehung und Zugehörigkeit, die uns im Rudel einst überlebensfähig machte, tritt die Angst vor Beziehung: wir wissen um unsere Verletzbarkeit, und es trifft uns in unserer Existenz, wenn wir zurückgewiesen oder verstoßen, verachtet oder gekränkt werden. Wenn sich der andere für uns unerreichbar macht oder wenn er uns ignoriert und übersieht. Davor haben wir Angst.

Deshalb hat uns die Natur im Rahmen des limbischen Systems mit den Spiegelneuronen ausgestattet, die uns - neurobiologisch, das heißt: hardware-technisch betrachtet - überhaupt erst in die Lage versetzen, beziehungsfähig zu sein. Die resonanzfähigen Spiegelneuronen lösen bei uns ein vergleichbares Reaktionsmuster auslösen, wie wir es bei unserem Gegenüber beobachten können. Dabei handelt es sich um einen Vorgang, der von uns willkürlich kaum beeinflusst werden kann und der – wenn überhaupt – uns erst nachträglich bewusst wird. Wir sind also – limbisch gesehen – höchst beeinflussbar im Blick auf die Reize, die wir aus unserer Umgebung - respective: von unseren Mitmenschen empfangen. 

Der unschätzbare Vorteil dieser Erfindung der Natur kann dann für uns zum Nachteil werden, wenn wir uns an fremden Traumatisierungen „anstecken“, wenn wir uns ein Trauma „einfangen“, das uns nicht gehört.

Da sich nicht nur Hilfskräfte und Fachpersonen anstecken können, lohnt es sich unseres Erachtens, den Begriff der Sekundärtraumatisierung ebenfalls auszudehnen: Als ROMPC®-Therapeuten, -Berater und -Coaches sprechen wir von den verinnerlichten Traumatisierungen der Elternfiguren, die von Kinder oft übernommen werden. Wenn man hierbei an die schweren unbewältigten Traumatisierungen vorausgehender Kriegsgenerationen denkt, ist ersichtlich, dass diese übernommenen Traumatisierungen das Ausmaß der lebengeschichtlich bedingten eigenen Traumatisierungen bisweilen weit übertreffen können. 

Bei diesen elterlichen Trauma-Introjekten handelt es sich per definitionem ebenfalls um Sekundärtraumatisierungen, die von den Betroffenen subjektiv als „Ich-synton“ erlebt werden, obwohl sie - bei Lichte betrachtet - eigentlich „Ich-dystoner“ Natur sind.

Bei der Behandlung des „Inneren Teams“ geht es darum, diese introjizierten traumatisierten Persönlichkeitsanteile zu identifizieren und mit den Behandlungsmethoden des ROMPC® isoliert zu behandeln.

Fazit 

Der Charakter des Psychotraumas kann in seiner Entstehung und Wirkung wohl am besten neurobiologisch mit dem Phänomen des „unkontrollierbaren Stresses“ erklärt und beschrieben werden. 

Wenn also „unkontrollierbarer Stress“ eine entscheidende Voraussetzung dafür ist, dass man überhaupt von einer Psychotraumatisierung sprechen kann, dann erscheint es uns zwingend, den Psychotraumabegriff aus seiner engen Begrifflichkeit zu lösen und auf alle Verletzungsbilder zu beziehen, die diese Voraussetzungen erfüllen - und zwar unabhängig davon, ob es sich dabei um 

  • Massivverletzungen (Big-T-Traumata) oder
  • sich wiederholende Kleinstverletzungen (Small-T-Traumata),
  • Verletzungen durch tätliche Aggression oder
  • durch Unterlassung und Duldung,
  • äußere Verletzungen (bedingt durch äußere Stressoren) oder
  • den hausgemachten Stress (bedingt durch innere Stressoren),
  • primäre Betroffenheit (lebensgeschichtliche Eigentraumatisierung) oder
  • sekundäre Betroffenheit (übernommene Fremdtraumatisierung)

handelt.

Die Erweiterung des Psychotraumabegriffs innerhalb des ROMPC® will auch als Beitrag dazu verstanden werden, die Bearbeitung posttraumatischer Störungen in eben diesem erweiterten Sinn nicht länger zu seinem Sonderfall der Therapie zu machen, sondern ins Zentrum jeder therapeutischen Arbeit zu rücken.