Selbstwirksamkeit und Performance

Die innere Haltung entscheidet

„In Vaters oder Mutters Schuhen ist schlecht laufen“ - Ritualisierte Behandlung von Introjekten mit ROMPC®

Martina Erfurt-Weil

14.03.2009

Martina Erfurt-Weil 

Worum geht´s? 

Die Mehrzahl der Probleme in der therapeutischen Praxis wurzelt nicht allein in der eigenen Lebensgeschichte der Klienten (Primärtraumatisierung) sondern in übernommenen Traumatisierungen der Elternfiguren (Sekundärtraumatisierung). Primärtraumatisierungen und Sekundärtraumatisierungen verschwimmen oft im Erleben der Klienten. Erst die Nachfrage nach der Geschichte der Elternfiguren ermöglicht eine Differenzierung.

Wie kommt es zur Introjektion fremder Traumatisierungen
– das heißt: zu einer Sekundärtraumatisierung? 

Natürliches Wachstum und Persönlichkeitsentwicklung geschieht durch IDENTIFIKATION und INTERNALISIERUNG (nach R. Erskine). Identifikation bedeutet Bindungsfähigkeit durch Wiedererkennung der Bezugsperson und ihrer Resonanzbereitschaft, und Nachahmung ihrer Handlungs- und Gefühlsmuster. Internalisierung ist die Verinnerlichung von vorgelebten Werten und Modellen im Anpassungsprozess an die Umwelt.

INTROJEKTION – „das Schlucken der Elternfigur“ – ist das Ergebnis von unkontrollierbarem Stress in Konflikten zwischen Kind und Elternfigur. Ohnmacht, Hilflosigkeit, fehlende Resonanz und Leere kennzeichnen den ungelösten Konflikt, in dem die Elternfigur für das Kind unerreichbar erscheint. Um dieser Ohnmacht im kindlichen Erleben zu entgehen, wird das beobachtete Handlungs- und Gefühlsmuster der Elterfigur „geschluckt“ und sich zu eigen gemacht, damit die Elternfigur scheinbar nicht verloren geht. Ähnlich wie beim Vorgang der Internalisierung trägt das Kind allerdings hier nicht ein förderliches Modell sondern ein fremdes Problem mit sich herum, zu dessen Lösung es - realistisch betrachtet -nichts beitragen kann: Wie soll ein Kind z.B. Verlusterfahrungen, Kriegstraumata seiner Eltern „heilen“?

In seiner Treuebindung zu seinen Eltern versucht es, deren Probleme (z.B. der erstarrte Trauerprozess, die emotionale Leere, die Wut) in sich zu lösen und generiert überhöhte Selbstansprüche, in der Hoffnung, durch die Rettung der Eltern sie wieder zu elterlichem Handeln dem Kind gegenüber befreien zu können. 

Wie behandelt man Introjektion? 

Diagnostische Informationen über Primär- und Sekundärtraumatisierung werden eingeholt. Man achte auf Übertragungstransaktionen – das heißt: Worte, Gefühle, Assoziationen und Körperrekationen die in ihrer Übersteigerung vom gegenwärtigen Problem weg verweisen auf andere Zeiten und Personen, wo sie ihren eigentlichen, den ursprünglichen „Sitz im Leben“ haben.

Beispiel

Klient sagt: „Ich habe Angst, meine Arbeitsstelle zu kündigen, weil ich dann nichts mehr zu

b e i s s e n habe.“ - Vater litt Hunger im Krieg, hatte nichts mehr zu „beissen“.

Bei der Behandlung hat die Stärkung des „Inneren Chefs“ zum Schutze des Klienten erste Priorität. Hierbei hat sich das ROMPC®-Behandlungsritual „Die offene Tür schließen“ besonders bewährt. 

Gefolgt wird dieser Behandlungsansatz in der Regel von einer sog. „Regressionsarbeit“, die sich an das „Innere Kind“ richtet: Hierbei wird der Klient in seinem ungelösten Elternkonflikt, in seiner unkontrollierbaren Stressreaktion wird mit ROMPC® behandelt. Seine eigene Ohnmacht, Angst, Ratlosigkeit, Wut werden gelöst. Der Therapeut nimmt dabei eine sog. „Interposition“ (R. Erskine) zwischen regressivem Teil des Klienten und dem destruktiven Introjekt ein. Damit stellt sich der Behandler schützend vor das „verletzte hilflose Kind“. Die ROMPC®-Behandlung der Primärtraumatisierung wird mit dem „Selbstverzeihungs-Ritual“ abgeschlossen. 

Die Sekundärtraumatisierung, das heißt: die übernommene fremde Traumatisierung des Klienten wird mit einer sog. „Introjektarbeit“ behandelt: Der Klient wird dazu aufgefordert, sich bewusst in die Rolle der Elternfigur mit deren Problem/Trauma hinein zu versetzen. Dazu wechselt der Kient seinen Platz (ggf. anderer Stuhl) und stellt sich als sein eigener Vater bzw. seine eigene Mutter (alternativ: Großvater, Großmutter, Tante, Onkel etc.) vor. Kurz: der Klient geht in die Rolle des Introjekts.

Nachdem es gelungen ist, diesen Persönlichkeitsanteil zu isolieren, wird die introjizierte Elternfigur mit ROMPC® behandelt, so als ob es sich dabei um einen neuen Klienten handeln würde. Die ROMPC®-Behandlung wird so lange fortgesetzt, bis die introjizierte Elternfigur wieder in der Lage ist, elterlich und erwachsen zu fühlen, zu denken und zu handeln, also bis deren Trauma-Blockade hinreichend gelöst ist.

Abschließend wird der introjizierte Persönlichkeitsanteil dazu aufgefordert, sich an den regressiven Persönlichkeitsanteil zu wenden. Dabei sollte Folgendes zum Ausdruck gebracht werden:

  • Anerkenntnis und Dank an Tochter / Sohn / Enkel / Neffen / Nichte etc. für die Bereitschaft, das Trauma lösen zu wollen und die Mühe, es stellvertretend getragen zu haben
  • Anteilgeben an der lösenden Erfahrung und Enttraumatisierung
  • Bedauern des emotionalen Missbrauchs
  • Freispruch vom „Auftrag“, das Trauma noch länger tragen zu müssen
  • elterlicher Segen für ein glückliches Leben, befreit von den Lasten der übernommenen Verletzungen und Traumatisierungen

Die Elternfigur wird „verabschiedet“, und der Klient nimmt auf seinem eigenen Stuhl wieder Platz. Er reflektiert die erlebte Introjekt-Behandlung und die „Installation eines neuen elterlichen Modells“. 

Ritualisierte Stuhlübung 

Die hier vorgestellte Übung kann sowohl in der Einzelarbeit mit einem Klienten, als auch in der Gruppenarbeit als Gruppenübung genutzt werden.
Der Klient sitzt auf seinem Stuhl. Dieser Stuhl steht symbolisch für seinen „Chefsessel“ – das heißt: seine erwachsene Position. In dieser Position konzentriert sich sich der Klient auf sein aktuelles Stress-Thema und analysiert dieses an Hand der folgenden fünf Leitfragen: 

  • Was denke ich darüber?
  • Was fühle ich dabei?
  • Wie verhalte ich mich?
  • Was geht in meinem Körper vor?
  • Wie macht mir das Sinn?

Der Klient steht auf und stellt sich rechts hinter seinen Stuhl und fragt sich in der Rolle seines Vaters:

  • Was denke, fühle und erlebe ich als Vater im Blick auf diesen Stress?
  • Welche Strategie habe ich dazu entwickelt ?

Danach begiebt sich der Klient wieder zurück auf seinen eigenen „Chefsessel“. In der erwachsenen Position angekommen, fragt er sich:

  • Was denke, fühle, empfinde ich jetzt im Blick auf meinen Vater?
  • Wie verändert sich die Perspektive im Blick auf meinen eigenen Stress?

Der Klient steht auf und stellt sich links hinter seinen Stuhl und fragt sich in der Rolle seiner Mutter:

  • Was denke, fühle und erlebe ich als Mutter im Blick auf diesen Stress?
  • Welche Strategie habe ich dazu entwickelt ?

Danach begiebt sich der Klient wieder zurück auf seinen eigenen „Chefsessel“. In der erwachsenen Position angekommen, fragt er sich:

  • Was denke, fühle, empfinde ich jetzt im Blick auf meine Mutter?
  • Wie verändert sich die Perspektive im Blick auf meinen eigenen Stress?

Danach wertet der Klient die gemachten Erfahrungen für sich aus:

  • Zu welcher Seite - Mutter oder Vater - fühle ich mich mehr hingezogen?
  • Welche Elternfigur zieht mich in ihren Bann?
  • Wem gegenüber habe ich es schwer, erwachsen zu bleiben ?

Der Klient wählt zunächst eine der beiden aus und nimmt den Platz von Mutter bzw. Vater ein. Die Rollenidentifikation erfolgt.

Als Vater / Mutter identifiziere ich mich mit dem Problem X und massiere meine Neurolyphatische Reflexzone. Dabei spreche ich dreimal: 
„Ich Vater/Mutter akzeptiere mich voll und ganz, auch wenn ich das Problem X habe.“ 

Anschließend: 

  • Klopfen des Augenbrauenpunkts mit den Worten: „Ich lasse meine Traurigkeit zu, wenn ich an X denke.“
  • Klopfen des Augenwinkelpunktes mit den Worten: „Ich lasse meine Wut und meinen Ärger zu, wenn ich an X denke.“
  • Klopfen des Punktes unter dem Auge mit den Worten: „Ich lasse meine Angst zu, wenn ich an X denke.“

Sofern neue Theme auftauchen, kann diese Abfolge mit neuen Stichwörtern (X) wiederholt werden – so lange, bis eine spürbare Entspannung eintritt.

  • Klopfen auf den Zeigefingerpunkt mit den Worten: 
„Ich verzeihe mir, dass ich nicht verhindern konnte, dass mein Sohn / meine Tochter mein Problem X übernommen hat, und sich so angestrengt hat, sein / ihr Bestes zu geben, um dieses Problem X für mich zu lösen. Aus Liebe zu mir.“
  • Klopfen auf den Punkt am kleinen Finger mit den Worten: 
„Ich verzeihe all denen, die es nicht verhindert haben / die es zugelassen haben / die es nicht sehen wollten, wie ich gelitten habe. Ich verzeihe es ihnen, um mich nicht länger an sie zu binden und weil sie selbst Gefangene ihrer eigenen Geschichte sind.“
  • Erneutes Klopfen auf den Zeigefingerpunkt mit den Worten: 
„Ich erkenne an, dass du meine Tochter / mein Sohn aus Liebe zu mir dein Bestes gegeben und mein Leid zu tragen versucht hast. Es war viel zu viel für dich. Ich danke dir für all deine Mühe, die du auf dich genommen hast und mit der du dich überfordert hast. 
Ich habe dich benutzt – und das tut mir leid. 
Ich selbst hätte liebevolle Menschen gebraucht, um mich so zeigen zu dürfen, wie mir zumute war.
Ich danke dir, dass du meine Tochter / mein Sohn versucht hast, diese Lücke für mich zu füllen. Doch das hätte nie deine Aufgabe sein sollen. 
Ich habe erst jetzt erlebt, wie es auch anders geht. Und ich möchte dir daran Anteil geben.
 Du hast genug für mich getan. 
Ich kann es ab jetzt alleine tragen und nehme dieses Problem zu mir zurück. Ich trage allein die Verantwortung dafür.
 Du bist nun frei und darfst dein Leben geniessen. Meinen Segen schenke ich dir.“

Rücknahme der Rollenidentifikation:

der Klient nimmt seine eigene Position auf dem Stuhl wieder ein.

Abschließendes Klopfen auf den eigenen Zeigefingerpunkt mit den Worten: 
„Ich verzeihe mir als Sohn / Tochter, dass ich aus Liebe und Treue nicht anders konnte, als dieses fremde Problem X mir zu eigen gemacht zu haben.
Ich verzeihe mir, dass ich es mir damit so schwer gemacht habe und mich von so manchen meiner Bedürfnisse abschneiden musste.“

Und noch einmal: Reiben der Neurolymphatischen Reflexzone mit den Worten: 
„Ich akzeptiere mich mit meiner Liebesfähigkeit und meiner Stärke, ich akzeptiere mich mit meiner eigenen unerhörten Geschichte und meinen eigenen Bedürfnissen. Ich werde sie ernst nehmen und mich neu wagen und zumuten.“