Selbstwirksamkeit und Performance

Die innere Haltung entscheidet

Emotionale Entfremdung

Thomas Weil

05.05.2009

Thomas Weil

Worum geht´s? 

Unkontrollierbarer Stress geht mit wachsender emotionaler Entfremdung einher. Immer dann, wenn wir uns gezwungen sehen, auf sog. Kontaktvermeidungs-Strategien zurückzugreifen, um den unkontrollierbaren Stress etwas kontrollierbarer zu machen, werden wir uns in emotionaler Hinsicht ein Stück fremder.

Sich selbst fremd werden

Wenn wir erleben, dass unsere Gefühle immer und immer wieder missachtet werden, wenn wir mit ihnen bei unserem Gegenüber nicht landen können, dann werden wir irgendwann aufgeben und resignieren und innerlich Abstand nehmen von unserem Gefühl, von unserer Emotionalität. Denn wir machen unser Fühlen für unser Unbehagen verantwortlich und kappen mehr oder weniger die Verbindung zu unserer Emotionalität. 

Wenn wir den Hahn unserer Gefühle innerlich zudrehen, dann spüren wir nicht mehr den Schmerz darüber, dass uns etwas fehlt. Wir spüren nicht mehr den Ärger, der kampfbereit eine Lösung herbei zwingen will. Wir spüren nicht mehr die Trauer und Enttäuschung darüber, im Stich gelassen worden zu sein. Und wir fühlen irgendwann auch nicht mehr die Angst, die sich regelmäßig immer dann einstellt, wenn wir – jedenfalls so lange, wie wir noch nicht aufgegeben haben - einen Lösungsversuch nach dem anderen vergeblich probieren. Es scheint, wir hätten jetzt ein Problem weniger. Es scheint, wir hätten unsere Immunität wieder erlangt. Ja bisweilen scheint es sogar, wir seien so unabhängig, von nun an keinen anderen mehr zu brauchen. Doch um welchen Preis? Den Preis der emotionalen Entfremdung. 

Das heißt: in emotionaler Hinsicht sind wir uns fremd geworden. Und mehr noch: allen anderen, die eine emotionale Bindung zu uns wünschen, werden wir fremd und bleiben wir fremd. Der emotionalen Entfremdung folgt die emotionale Entleerung unserer Beziehungen.
Lange dauert es meist, ehe wir aufgeben. Denn der Weg in die Resignation, in den inneren Rückzug ist weit. Er ist von vielen Frustrationen gepflastert. Kleinen und größeren Kränkungen und Verletzungen, die einen gewissen Wiederholungscharakter haben und die uns nahe legen, in dem Prozess der "Emotionalen Entfremdung" Stufe für Stufe weiter zu gehen. Diese Stufen der emotionalen Entfremdung nehmen meist einen charakteristischen Verlauf.

Wenn uns etwas fehlt, tut´s weh

Wenn uns etwas fehlt, dann spüren wir dies in der Regel als Unbehagen oder als Schmerz. In diesem Augenblick ist es ein völlig natürlicher Impuls, mit dem „Aua“ nach außen zu gehen und der Umwelt zu signalisieren „Ich brauche etwas“. Wenn wir erleben, dass unser Gegenüber mit unseren Bedürfnissen angemessen umgeht, dann setzt Entspannung ein. Wir kommen zur Ruhe. Der Stress des Mangels weicht. Wir sind „satt“.

Kultivierter Ärger als erste Stufe emotionaler Entfremdung

Wenn allerdings, die Menschen, die wir mit unseren Bedürfnissen und Erwartungen adressieren, keine Notiz von uns nehmen oder sich weigern, auf unsere Bedürftigkeit einzugehen, dann werden wir ärgerlich. Dies kann ein diskreter Ärger oder offen gezeigte Wut sein. Aggressive Gefühle haben eine wichtige soziale Funktion: Sie wollen – jedenfalls dann, wenn sie zum Ausdruck gebracht werden - der Umwelt nachdrucksvoll zeigen, wie dringlich und wichtig uns die Erfüllung unserer Erwartungen ist. Gleichzeitig folgen sie der inneren Absicht, die Position der Verweigerung beim anderen durch die Konfrontation mit unserem Ärger unattraktiver werden zu lassen. Wenn wir dann ärgerlich erreichen, was wir wollen, kommt es zwar auch zur Entspannung, wenn der Stress des ursprünglichen Mangels weicht. Gleichzeitig haben wir jedoch einen Lernprozess gemacht, der uns sagt: Wir müssen ärgerlich werden, um zum Ziel zu kommen.

Kinder, die immer und immer wieder erleben, sie haben nur eine Chance, dass ihre Bedürfnisse Erfüllung erfahren, wenn sie ärgerlich eskalieren, werden irgendwann dazu kommen, immer dann wenn sie etwas brauchen, unmittelbar ärgerlich zu werden, anstatt auf unbefangene und natürliche Weise auf ihre Mitmenschen zuzugehen und die eigenen Erwartungen ins Spiel zu bringen. Sie hängen fest auf der ersten Stufe der emotionalen Entfremdung, der Stufe des kultivierten Ärgers. Sie haben gelernt, ihren Ärger als emotionales Substitut ihres Schmerzes zu kultivieren. Ein Substitut auf das sie stets dann zurückgreifen, wenn sie ein „Aua“ haben oder wenn ihnen etwas fehlt. Jähzornige Menschen sind solche Menschen. Sie haben durch schmerzhafte Erfahrungen gelernt, auf ihre Umwelt nur durch Wut und Ärger Einfluss nehmen zu können und meistens vergessen, dass man manchmal auch freundlicher, liebevoller und herzlicher zum Ziel kommen kann.

Kultivierte Traurigkeit als zweite Stufe emotionaler Entfremdung

Wenn Kinder erleben, dass ihr Ärger ergebnislos bleibt, dann werden sie meistens traurig. Trauer wird schließlich zum Substitut für den zurück gehaltenen Ärger. Immer dann, wenn sie mit ihren Tränen auf dem Wege des Mitleids, des Bedauerns oder des Trostes doch noch zu einer gewissen Befriedigung ihrer Bedürfnisse gelangen, lernen sie: Ich muss traurig sein, um etwas zu bekommen. Menschen, die bei jedem sich bietenden Stress in Tränen ausbrechen oder die bisweilen von sich selbst zu sagen pflegen, sie seien „nahe am Wasser gebaut“, sind solche Menschen, die auf der zweiten Stufe der emotionalen Entfremdung gefangen sind: der Stufe der kultivierten Traurigkeit. Auch sie haben verlernt, sich hoffnungsvoll, unbefangen und natürlich in Beziehung zu setzen, wenn ihnen etwas fehlt. Aber darüber hinaus ist ihnen auch noch der Ärger abhanden gekommen. Und sie haben später Mühe, sich klar zu positionieren oder Durchsetzungskompetenz zu zeigen.

Kultivierte Resignation als dritte Stufe emotionaler Entfremdung

Wenn das Echo des Trostes ausbleibt, dann folgt in der Regel bald die Resignation. Eine depressive Verstimmtheit und eine gewisse Leere bestimmt dann das Bild, das wir von diesen Menschen gewinnen. Meist ziehen sie sich in sich selbst zurück. Und wir können nur noch erraten, was in ihnen vorgeht. Denn sparsam sind sie geworden, wenn es darum geht, etwas von ihrer inneren Befindlichkeit nach außen zu zeigen. Häufig verharren sie in inneren Selbstgesprächen oder überlassen sich tagtraumartigen inneren Bildern, an denen die Außenwelt keinen Anteil erhält und meistens auch keinen Anteil mehr nimmt. Resignation, Depression und der Rückzug in sich selbst sind die unverkennbaren Charakteristika der dritten Stufe des emotionalen Entfremdungsprozesses. Auf der Stufe der kultivierten Resignation werden sie zum Substitut für die zurück gehaltene Trauer.

Versteckte Resignation

Da sich die mit dieser Stufe einhergehende unangenehmen Befindlichkeit längerfristig nur schwer ertragen lässt, haben viele Menschen, die auf dieser Stufe verharren, kreative Lösungsansätze entwickelt, um ihren wahren innerlichen Zustand vor sich und der Außenwelt zu verbergen. Hohe soziale Anerkennung findet hierbei die Flucht in die Arbeit, in eine hektische Betriebsamkeit, wie sie mir bei vielen Führungskräften immer wieder begegnet, deren verborgene Depression immer dann ausbricht, wenn es mal nichts zu tun gibt, wenn sie in Urlaub fahren, wenn sie gesundheitsbedingt an ihre Grenzen stoßen oder wenn die Rente unausweichlich naht.

Eine andere Art, vorübergehend der inneren Leere und Depression zu entgehen, ist der Versuch in zwanghafter Heiterkeit dem Motto „don´t worry, be happy“ folgend stets einen flotten Spruch auf den Lippen zu tragen und die Lacher auf seine Seite zu ziehen. Bei genauerem Hinsehen wirkt das Lächeln dieser Menschen meist „eingefroren“ oder etwas verkrampft. Und dünn ist das Eis der Fröhlichkeit, auf dem sie sich hierbei bewegen. Aber so lange sie lächeln können, gelingt es ihnen, sich ein wenig selbst zu trösten und davon abzulenken, wie ihnen wirklich zumute ist.

Eine weitere Möglichkeit, die innere Leere - wenigstens eine Zeit lang zu füllen – ist es, in inneres Selbstmitleid zu gehen und keine sich bietende Gelegenheit auszulassen, um sich selbst zu bedauern. Dieser Vorgang geht in psychosomatischer Hinsicht mit einem Rückriff auf die körpereigenen Zuckerreserven einher, was mich dazu veranlasst bei diesem Selbstmitleid auch von „süßlicher Melancholie“ zu sprechen – einem Lösungsansatz, der den Betreffenden im wahrsten Sinne des Wortes dazu verhilft, sich die innere Depression selbst zu versüßen. Da Zucker hierbei als Anästhetikum wirkt, nutzen die Betreffenden einen wirkungsvollen Mechanismus unseres Organismus, um sich selbst zu betäuben. Die Bereitschaft, an diesem Zustand später etwas zu ändern, sinkt in dem Maß, wie die Abhängigkeit von der körpereigenen Droge fortschreitet.

Übung: Emotionale Entfremdung

Bitte fragen Sie sich ...

  • Auf welcher Stufe der emotionalen Entfremdung hängen Sie unter Stress häufig fest?
  • Welches sind Ihre kultivierten negativen „Lieblingsgefühle“?
  • Was muss geschehen, damit Sie Ihre ursprünglichen Gefühle und Bedürfnisse zulassen?

Literatur

Thomas Weil
Endlich frei von Stress. 
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Kassel 2013, 3. Aufl.

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