Selbstwirksamkeit und Performance

Die innere Haltung entscheidet

Wenn die Nachhaltigkeit fehlt: Seelische Diarrhoe und wie man sie behandelt

Thomas Weil

02.09.2009

Thomas Weil

Worum geht´s? 

In Therapie- und Beratungsprozessen kommt es immer wieder vor, dass innere Blockaden erfolgreich gelöst werden und eine offensichtliche, vom Klienten nachfühlbare Entspannung zwar erzielt werden kann, dass aber die erwünschte Nachhaltigkeit dieser positiven Befindlichkeit nicht erreicht werden kann - vor allem dann, wenn das positive Stimmungsbild des Klienten bereits innerhalb der professionellen Sitzung oder kurz danach immer wieder umschlägt.

Wenn die positive Stimmung nicht gehalten werden kann

Bisweilen können sich Klienten in der nachfolgenden Sitzungen nicht mehr daran erinnern, dass, wodurch, wie und weshalb es ihnen in der vorausgegangenen Sitzung vorübergehend besser gegangen ist. Es scheint, als ob der posititive emotionale Anknüpfungspunkt für die Betreffenden vollends verloren gegangen sei. 

Wenn dieses Phänomen auftritt, dann eröffnen Klienten die nachfolgende Sitzung meist ohne Bezug zu der vorausgegangenen. So, als ob nicht geschehen wäre, was sich zuvor ereignet hatte So, als ob die positiven Erfahrungen, die innerhalb der therapeutischen bzw. beraterischen Beziehung zuvor gemacht wurden, ihre nährende Kraft nicht hätten entfalten können.

Das heißt: Die gemachten Erfahrungen wurden weder “verdaut” noch “assimiliert”, sondern einer ähnlich wie bei einer akuten Durchfallerkrankung unmittelbar wieder “ausgeschieden”. Sie fallen einfach durch.
Mit Blick auf den Vergleich mit dem genannten somatischen Krankheitsbild spreche ich deshalb bei dem beschriebenen Phänomen von “seelischer Diarrhoe”.

Aspekte und Ursachen der Störung

Im Kontext energiepsychologischer Verfahren ist dieses Phänomen ebenfalls bekannt und wird dort als “homolateraler Energiefluss” bezeichnet, der vielfach von gewissen Erschöpfungszuständen und körperlichen Koordinationsproblemen begleitet ist, jedenfalls was das koordinierte Zusammenspiel von Muskelgruppen der linken und rechten Körperseite betrifft (Links-Rechts-Koordination).

Im Umgang mit den genannten Klienten stellt sich bei Therapeuten oder Beratern meist eine gewisse Irritation ein. Sie ist mit dem Eindruck verbunden, dass die Behandlung nicht wirkliche Fortschritte zeige und dass man als Behandler immer wieder von vorne beginnen müsse.

Gegenübertragungsanalytisch betrachtet ist dieser Eindruck des Behandlers mit oft mit aufsteigendem Ärger verbunden - vor allem dann, wenn sich das genannte Phänomen von Sitzung zu Sitzung wiederholt. Da liegt es nahe, das Verhalten des Klienten als “Vermeidungsverhalten” zu definieren und der Hypothese zu folgen, dieser wolle den therapeutischen oder beraterischen Prozess boykottieren. Entsprechende Konfrontationen durch den Professional führen allerdings ausnahmslos ins Leere und verstärken die Schwierigkeit des Klienten, eine positive therapeutische oder beraterische Beziehung aufzubauen, Positives anzunehmen und auch zu behalten.

Unter beziehungsanalytischen Gesichtspunkten stellt sich die Frage, welche “unerhörte Geschichte” des Klienten sich uns als Therapeuten, Beratern und Coaches durch das beschriebene Phänomen mitteilt.

Ich denke, die “seelische Diarrhoe” offenbart keine mangelnde Motivation, kein fehlendes Wollen, sondern ein fehlendes Können: Klienten mit seelischer Diarrhoe können die professionellen Beziehungsangebote zwar punktuell nehmen, aber nicht halten - und zwar als Reflex auf die fehlende und/oder unsichere Bindung, die sie als Kinder erlitten haben.

Am Übergang von der früh-oralen in die mittel-orale Phase im Alter von ca. 4-7 Monaten steht der Säugling vor der Herausforderung, das Bild der Mutter so in sich zu verankern, dass es als inneres stress-reduzierendes Bild auch dann aktiviert werden kann und noch eine gewisse Zeit fortbesteht, wenn die Mutter abwesend ist. Kurz: Wenn es dem Säugling gelingt, das tröstende Bild der Mutter in sich zu verankern, dann erhöht sich die Stresstoleranz gegenüber der vorübergehenden mütterlichen Abwesenheit. Das gewachsene Bindungsgefühl hilft, den Schmerz bzw. Stress der Trennung zu überwinden. Kein Zufall, dass in dem genannten Alter der psychologische Abnabelungs-Prozess eingeleitet wird, der uns im Blick auf die Entwicklung unserer späteren Bindungs- und Beziehungsfähigkeit überhaupt erst sozial- und beziehungskompetent werden lässt. Ein Abnabelungs-Prozess, der uns in die Lage versetzt als unabhängige Individuen getrennt und gleichzeitig mit anderen verbunden zu sein. Ein Abnabelungs-Prozess, der uns aus verschmelzender Konfluenz in lebendige Ich-Du-Beziehung führt.

Damit dieser Prozess gelingt, braucht es stabile, beständige und verlässliche Beziehungserfahrungen. Durch die Kontinuität dieser Beziehungserfahrungen, wird Bindung möglich und der Säugling vergewissert, dass Mutter auch dann, wenn sie sich entfernt, wieder kommt und dass die seelische Bindung auch in der Distanz niemals abreist.
Während dieses Prozesses steht das “Beziehungsbedürfnis nach Vergewisserung” und dessen Befriedigung also im Vordergrund der Mutter-Kind-Beziehung. Diese Vergewisserung lebt von der Wiederholung. Durch zahlreiche vergewissernde Wiederholungsschleifen der mütterlichen Präsenz und Verbundenheit werden im limbischen System des Gehirns Verknüpfungen geschaltet, die es wahrscheinlich machen, dass die positiven Beziehungserfahrungen auch künftig Bestand haben und wiederholbar sein werden.

Hierbei kommt den “Spiegelneuronen” innerhalb des limbischen Systems eine besondere Bedeutung zu:Durch ihre Resonanzfähigkeit lassen sich die Spiegelneuronen von der liebevollen mütterlichen Empathie anstecken und tragen maßgeblich zur Entwicklung des Selbstwertgefühls bei, indem sie das mütterliche Modell im Gehirn hinterlegen: Wer geliebt wurde, kann sich selbst lieben.Auf Grund ihrer Fähigkeit aus wenigen Informationen ein vollständiges Bild zu generieren, vervollständigen die Spiegelneuronen vor dem Hintergrund wiederholter befriedigender die Erfahrung momentaner Verlassenheit und Distanz zu dem inneren Bild eines vorübergehenden schmerzhaften Zustandes, an dessen Ende mit dem Gefühl der Gewissheit die Wiederkehr der ersehnten Bezugsperson stehen wird.

Die unerhörte Geschichte

Die “unerhörte Geschichte” von Klienten mit “seelischer Diarrhoe” erzählt die Geschichte eines verletzten Kindes, dessen frühe Bindungsbedürfnisse missachtet wurden: die Geschichte von einem beeinträchtigten oder misslungenen Bindungsprozess.

Deshalb dürfen die lästig anmutenden Wiederholungsschleifen dieser Klienten, die in der Unfähigkeit, an vorausgegangene positive Erfahrungen anzuknüpfen, wurzeln, nicht als Vermeidungsverhalten oder Boykott verstanden werden. Es handelt sich dabei vielmehr, um den unbewussten Versuch, durch Wiederholung identischer Erfahrungen, die fehlende Bindungskontinuität herstellen und die Pufferwirkung eines zu verankernden mütterlichen Bildes erlangen zu wollen. Bindung braucht Kontinuität. Und Kontinuität lebt eben von Wiederholung.

Konsequenzen für die ROMPC®-Behandlung

Um “seelische Diarrhoe” erfolgreich zu behandeln braucht es die Bereitschaft des Professionals dazu ...

  • die eigene negative Gegenübertragung zurückzustellen
    (ggf. durch Selbst-Entstressung des Behandlers mit den Entkoppelungstechniken des ROMPC®)
  • kritische Verhaltenskonfrontationen zu unterlassen
  • sich mit dem verlassenen Kind im Klienten emotional zu verbinden und zu verbünden
  • sich als Behandler über einen gewissen Zeitraum als symbolische Elternfigur anzubieten
  • im Sinne von Winnicott ein beständiges “holding environment” zu schaffen
    (Arbeit in und nicht nur an der Übertragung)
  • Bindungsritale zu installieren
    (z.B. den Klienten dazu anleiten, sich in den Augen des Behandlers zu spiegeln: sehen, gesehen zu werden sowie körperbezogene Übungen anbieten: Ermöglichung der Erfahrung von Festhalten und Loslassen)
  • kinesiologische Überkreuz-Übungen trainieren, um die Rechts-Links-Koordination der beiden Hirnhemisphären zu optimieren
  • die Verlassenheits-Traumatisierung des Klienten mit den Entkoppelungstechniken des ROMPC® zu behandeln - und zwar unter besonderer Berücksichtigung des Gammutpunktes auf der äußeren Handfläche
  • sich für das vom Klienten entgegengebrachte Vertrauen immer wieder zu bedanken.