Selbstwirksamkeit und Performance

Die innere Haltung entscheidet

Wenn die Hoffnung stirbt: Zur verborgenen Psychodynamik des Suizids

Thomas Weil

04.11.2009

Thomas Weil

Worum geht´s? 

Wenn der Selbstmord als Lösungsoption in Betracht kommt, werden die im Leben als nicht erfüllbar erscheinenden Wünsche und Bedürfnisse auf den Zustand des eigenen Todes projiziert. An der Wahl der Selbsttötungsart bzw. an den suizidalen Fantasien, die Klienten darüber haben, wie sie ihrem Leben ein Ende setzen wollen, lässt sich die diesem Suizid zu Grunde liegende grundsätzliche Psychodynamik meist ablesen.

Selbstmord als Lösungsoption?

Viele Klienten halten den Suizid für eine ernst zu nehmende Lösungsoption. Ihre Selbstmordbereitschaft steigt, wenn ...

  • die Hoffnung stirbt und die Lebensperspektive abhanden kommt,
  • wenn das, was lange Zeit Sinn machte, keinen Sinn mehr macht,
  • wenn es nicht mehr gelingt, fundamentale Beziehungsbedürfnisse zu befriedigen und
  • wenn die innere Einsamkeit steigt.

Viele äußere Anlässe beruflicher und privater Natur können dafür verantwortlich sein, dass sich die suizidale Schlinge immer enger zieht.
Da wir in allen seelischen Krisen dazu neigen zu regredieren, das heißt: auf Bewältigungsmuster zurück zu greifen, die sich in der Vergangenheit bewährt haben mögen, aber heute nicht immer zielführend sind, können wir auch bei suizidalen Klienten eine regressive suizidale Logik beobachten, die nichts von der Endgültigkeit jenes Zustands weiß, der durch die Selbsttötung herbei geführt werden soll.
Wenn der Selbstmord als Lösungsoption in Betracht kommt, werden die im Leben als nicht erfüllbar erscheinenden Wünsche und Bedürfnisse auf den Zustand des eigenen Todes projiziert. Es wird erwartet, dass deren ausstehende Erfüllung auf dem Wege der Selbsttötung endlich herbei gezwungen werden kann. 

In der regressiven suizidalen Logik, die sich vom magischem Denken des inneren Kindes leiten lässt, wird verkannt, dass der Zustand des Todes auch der Erfüllbarkeit der auf der Strecke gebliebenen Wünsche und Bedürfnisse eine finale Grenze setzt und deshalb - realistisch betrachtet - als ernst zu nehmende Lösungsoption nicht wirklich dienen kann. Mit ihrem Selbstmord öffnen sich daher suizidale Klienten nicht die ersehnte Türe, die sich vermeintlich anders nicht öffnen lässt. Nein, mit ihrem Selbstmord schlagen sie die letzte Tür zu, die sich von ihnen noch öffnen ließe, - jedenfalls dann wenn es ihnen gelänge, die eigenen Wünsche und Bedürfnisse wieder auf´s Leben zu beziehen und sich mit ihren Wünschen und Bedürfnissen in Beziehung zur Umwelt zu setzen. 

Die professionelle Herausforderung

Klienten dabei zu unterstützen, den Abschied von ihrer regressiv-suizidalen Logik zu vollziehen und die Umkehr ins Leben vorzunehmen, denke ich, ist eine der größten Herausforderungen therapeutischer und beraterischer Arbeit. 

Dabei kommt es darauf an, ...

  • die Wünsche und Bedürfnisse zu ermitteln, die an den Selbstmord geknüpft werden,
  • die Berechtigung dieser Wünsche und Bedürfnisse ausdrücklich anzuerkennen und
  • geeignete Lösungen zu erarbeiten, um die inneren (i. e. limbischen) und äußeren (i. e. verhaltensbezogenen) Hemmnisse auszuräumen, die der Befriedigung dieser Wünsche und Bedürfnisse entgegen stehen.

Die Wahl der Selbsttötungsart

An der Wahl der Selbsttötungsart bzw. an den suizidalen Fantasien, die Klienten darüber haben, wie sie ihrem Leben ein Ende setzen, lässt sich die diesem Suizid zu Grunde liegende grundsätzliche Psychodynamik meist ablesen.

Bei den sog. “weichen” Suiziden werden Selbsttötungsarten gewählt bzw. in Betracht gezogen, die die äußere physische Integrität des Körpers unversehrt lassen. Dies ist zum Beispiel der Fall, wenn der eigene Tod durch eine Überdosis von Schlafmitteln oder Drogen bzw. durch eine Kohlenmonoxid-Vergiftung (Autoabgase) herbei geführt wird. Diese Selbstmorde muten wie sanftes Entschlafen an. Der Tod scheint wie ein friedlicher Schlafzustand zu sein, aus dem es für die Betreffenden kein Erwachen in die unerträgliche Realität mehr gibt.

Anders die sog. “harten” Suizide: Hier werden Selbsttötungsarten gewählt bzw. in Betracht gezogen, die die äußere physische Integrität des eigenen Körpers bewusst zerstören, ja im wahrsten Sinne des Wortes zerfetzen. Ein Anblick, der bei allen, die sich im Nachgang mit diesem Geschehen konfrontiert sehen, grausiges Entsetzen auslöst und der sich als tief traumatisierende Erfahrung eingräbt. Im Unterschied zu den “weichen” Suiziden ist der aggressive Charakter der “harten” Suizide offensichtlich. Hierzu gehören Selbsttötungsarten wie sich aus dem Fenster stürzen, sich vor den Zug werfen, sich erschießen, sich erhängen etc.

Psychodynamik

In meiner Eigenschaft als Therapeut und als ehemaliger Leiter einer kirchlichen Telefonseelsorge habe ich immer wieder mit Menschen zu tun gehabt, die latent oder manifest suizidal waren. In Gesprächen mit ihnen habe ich die Betreffenden immer wieder gefragt, was ihre Hoffnung ins Leben ersterben ließ, welche Erwartungen sie an den in Betracht gezogenen Selbstmord innerlich knüpften und welche Selbsttötungsart für sie in Frage kommen würde. Dabei habe ich fest gestellt:

Menschen, die “weiche” Suizide bevorzugen, erwarten meist von ihrem Tod:

  • Ruhe finden
    (“dann bin ich meine Sorgen los”; “dann hat die Qual ein Ende”; “dann finde ich meinen Frieden” etc.),
  • Anteilnahme erfahren
    (“den anderen wird es leid tun”; “sie werden an meinem Grab um mich weinen”; “dann werden sie mich verstehen” etc.),
  • die veränderte Haltung der anderen
    (“nur so werden Sie begreifen, was sie mir angetan haben”; “dann werden Sie erst ermessen können, was sie an mir hatten” etc.).

Kurz: Die an die “weichen” Suizide geknüpften Beziehungsbedürfnisse, die im Leben keine Befriedigung finden, folgen der spezifischen regressiv-suizidalen Logik: “Was mir die Außenwelt vorenthält, bekomme ich durch den eigenen Tod.” 

Zur Abwehr von Ohnmacht wird der Selbstmord als Chance begriffen, die Außenwelt dazu zu veranlassen, sich endlich zu kümmern und initiativ zu werden. Gleichzeitig wird die Verantwortung für die Befriedigung eigener Wünsche und Bedürfnisse nach außen verlagert.

Menschen, die “harte” Suizide bevorzugen, sind - psychodynamisch betrachtet - meistens nicht suizidal, sondern homizidal motiviert: Das, was symptomatisch als Selbstmordabsicht erscheint, ist gewissermaßen von einer “mörderischen” Absicht getrieben.

In der Befragung berichten diese Klienten davon, dass sie ...

  • die ungeliebte Teile ihrer selbst los werden wollen,
  • den inneren Kritikern den Garaus machen wollen,
  • die quälenden inneren Stimmen zum Schweigen bringen wollen.

Kurz: Die an die “harten” Suizide geknüpften Beziehungsbedürfnisse, die im Leben keine Befriedigung finden, zielen darauf ab, sich von verhassten eigenen (i. e. dissoziierten) oder fremden (i.e. introjizierten) Teilen der eigenen Persönlichkeit aggressiv zu befreien.

Dementsprechend lautet die homizidale Logik: “Wenn ich die feindlichen Anteile meiner selbst morde, bin ich frei.” 

Zur Abwehr von Ohnmacht wird der Mord von Persönlichkeitsanteilen des “inneren Teams” als Chance begriffen, um die feindlichen inneren Instanzen endlich zu stoppen. Dass der Homizid von Teilen der eigenen Persönlichkeit suizidale Folgen hat, wird in Kauf genommen, weil die Betreffenden darin die einzige Möglichkeit sehen, sich zu behaupten. 

Konsequenzen für die therapeutische und beraterische Arbeit

In der Arbeit mit suizidalen Klienten ist mir wichtig, deren Motivation zu kennen. Weil eben nicht jeder Selbstmord psychodynamisch auch suizidal motiviert ist, müssen sich die Behandlungsansätze bei unterschiedlich motivierter Suizidalität unterscheiden.

Klienten mit suizidal motivierter Selbstmordabsicht lernen, ihre sehnsuchtsvollen Erwartungen wieder an´s Leben zu richten, anstatt im Tod die Lösung ihrer Probleme zu suchen. Es kommt darauf an, den eigenen impressiven Beziehungsbedürfnissen nach “Initialisierung”, “Vergewisserung” und “Bestätigung der eigenen Erfahrung” wieder aktiv und beziehungsgestaltend Ausdruck zu verleihen, anstatt in der Resignation zu verharren. Wenn die suizidale Krise davon begleitet ist, eigenes Leid selbstmitleidsvoll zu kultivieren, geht es darum, diese “süßliche Melancholie” zu stoppen und anderen Menschen überhaupt erst wieder die Chance zu geben, an mich heran zu kommen und für mich sorgen zu dürfen. 

Hemmende Beziehungsängste, die in Verletzungen der Vergangenheit wurzeln, erzählen die “unerhörte” Geschichte dieser Klienten. Sie will und sie muss gehört werden und ein angemessenes emotionales (i. e. wertschätzendes) Echo durch den Professional erfahren.

Darüber hinaus sind insbesondere die “impressiven Entkoppelungstechniken” des ROMPC® (z. B. die Stimulation von Meridianpunkten) dazu geeignet, um suizidal-motivierte Klienten von ihren kränkenden “Altlasten” der Lebensgeschichte nachhaltig limbisch zu befreien.

Klienten mit homizidal motivierter Selbstmordabsicht lernen, sich aggressiv zu behaupten. Wer erlebt, dass er sich wehren kann, kann den feindlichen inneren Instanzen Einhalt gebieten, ohne durch mörderische Lösungsversuche schließlich das Überleben der eigenen Identität auf´s Spiel zu setzen. 

In diesem Zusammenhang gilt es, die missachteten Beziehungsbedürfnisse nach “Einflussnahme” und ”etwas geben zu wollen” so zu stärken, dass aggressive Auseinandersetzungen im Leben wieder gewagt anstatt auf den Tod verschoben werden.

Wenn sich die Angst vor der eigenen Aggression als Hemmschuh erweist, braucht es eine therapeutische Beziehung, in der erfahrbar wird, dass der Professional die Aggression des Klienten aushält, anstatt sie erschreckt zurück zu weisen. Auf diese Weise kann sich der Klient im Schutz der professionellen Beziehung seiner eigenen Aggressivität wieder zuwenden und einen konstruktiven Umgang mit seinen Aggressionen einüben.

In der Regel sind die Ängste vor den eigenen aggressiven Gefühlen von einschlägigen negativen Erfahrungen der Vergangenheit begleitet, die es ratsam erscheinen ließen, sich hinsichtlich der eigenen aggressiven Selbstbehauptung eher zurück zu halten. Diese Ängste wollen ernst genommen und emotional (i. e. wertschätzend) beantwortet werden, geben Sie dem Behandler doch Aufschluss über die Verletzungs- und Kränkungsgeschichte seiner Klienten. Ebenfalls eine “unerhörte” Geschichte, die mit der Zurückhaltung der eigenen Aggression zurück gehalten wurde und den Augen und Ohren eines verständnisvollen Gegenübers meistens verborgen blieb. In diesem Zusammenhang sind insbesondere die “expressiven Entkoppelungstechniken” des ROMPC® (z. B. das rhythmisierte Verstärken von körperlichen “Entkoppelungsrelikten”) dazu geeignet, um homizidal-motivierte Klienten von ihren kränkenden “Altlasten” der Lebensgeschichte nachhaltig limbisch zu befreien.