Selbstwirksamkeit und Performance

Die innere Haltung entscheidet

Die Odyssee des doppelten Abschieds

Thomas Weil

03.07.2010

Thomas Weil

Worum geht´s? 

Therapie- und Beratungsprozesse verlaufen in der Regel nicht gradlinig und linear. Erst wenn wir als Behandler die innere Freiheit und Bereitschaft aufbringen, uns mit unseren Klienten auf einen „Zick-Zack-Kurs“ einzulassen, können wir sie wirksam dabei unterstützen, die Odysse ihres Lebens erfolgreich zu meistern.

Auf seiner sagenumwobenen Odyssee gelangte Odysseus an eine Meerenge, die bei dem Versuch sie zu passieren, schon vielen Schiffern zuvor zum Verhängnis geworden war und das Leben gekostet hatte. 

Auf den Felsen zur Linken und Rechten hausten zwei Ungeheuer: das eine hieß Skylla, das andere Charybdis. Beide lauerten nur darauf, dass Schiffe ihnen unbedacht nahe kamen, um diese mitsamt der Besatzung auf Nimmerwiedersehen zu verschlingen. Die besondere Tragik lag dabei darin, dass der, der die Passage auf direktem Wege, das heißt: geradeaus, vornehmen wollte und sich dabei auf eines der beiden Ungeheuer konzentrierte, um diesem beizeiten auszuweichen, dem anderen zwangsläufig so nahe kam, dass er zu seinem dankbaren Opfer wurde. 

Odysseus löste dieses Problem, indem er nicht die direkte Route wählte, um die gefährliche Meerenge zu passieren, sondern im Zick-Zack-Kurs sicher und unversehrt durch die Engstelle kreuzte. 

Dieser Zick-Zack-Kurs ist als Metapher geeignet, um zu beschreiben, wie wir unsere Klienten als ROMPC®-Behandler sicher und unversehrt durch die “Odysse ihres doppelten Abschieds” leiten können. Dabei handelt es sich um ...

  • den Abschied von den Einschränkungen der verinnerlichten Elternfiguren und
  • den Abschied von der lieb gewonnenen Illusion, die Vergangenheit könnte ungeschehen gemacht werden.

Beide Abschiede sind nötig, um sich von den Belastungen der Vergangenheit lösen und mit Blick auf eine verheißungsvolle Zukunft die Chancen der Gegenwart nutzen zu können. 

Vor dem Hintergrund lebensgeschichtlicher Verletzungserfahrungen liegt es nahe, dass unsere Klienten von uns als Behandlern unausgesprochen erwarten, wir könnten Ihnen im Sinne der auf uns vorgenommenen Übertragung die besseren Elternfiguren sein - besser als die, unter denen sie einst Einschränkungen erlebt und Verletzungen erfahren haben. In Gestalt der positiven Übertragung, die uns als Professionals von den Klienten vertrauensvoll entgegen gebracht wird, nutzen wir diesen Vertrauensvorschuss, wenn wir darauf bedacht sind, ...

  • heilsame Affirmationen zur Verfügung zu stellen,
  • durch lebensfördernde Erlaubnisse alte Einschränkungen außer Kraft zu setzen,
  • die unterdrückten Beziehungsbedürfnisse zuzulassen und wertschätzend zu beantworten.

Indem wir dies tun, gestatten wir unseren Klienten innerhalb ihrer Übertragungsdynamik uns als “symbolische Elternfiguren auf Zeit” gewissermaßen zu adoptieren. Durch das elterliche “holding environment” (Winnicott), das wir dabei anbieten, unterstützen wir Nachreifungsprozesse, die den Klienten an unserem elterlichen Modell dazu befähigen, sein eigenes Ich neu zu definieren und entscheidende Schritte des Wachstums zu tun. 

Der offenkundige Vorteil dieser Vorgehensweise liegt auf der Hand: Durch die korrektive Beziehunsgerfahrung, die die Klienten an uns und mit uns erleben, wird die kritische Auseinandersetzung mit den eigenen Eltern beflügelt und der angestrebte Abschied von deren Einschränkungen eingeleitet. 

Sollten wir als Behandler allerdings davon ausgehen, dass dieser Ansatz ohne Risiko wäre, mag es sein, dass wir im Sinne der Odysseus-Legende Skylla erfolgreich zwar ausweichen konnten, um schlussendlich von Charybdis gefressen zu werden. 

Der Vorteil, uns als antithetische Elternfigur zur Verfügung zu stellen, wendet sich leicht zum Nachteil, indem wir nämlich mit allen Interventionen, die darauf abzielen, “elterliche” Verantwortung für die Klienten zu übernehmen, deren lieb gewonnene Illusion aufrichtig nähren, die Vergangenheit könne durch uns ungeschehen gemacht werden. 

Kurz: Indem wir den Abschied von den Einschränkungen der verinnerlichten Elternfiguren unterstützen, laufen wir stets Gefahr, den Abschied von den lieb gewonnenen Illusionen geradezu zu verhindern. 

Immer dann, wenn wir als die vermeintlich besseren Elternfiguren idealisiert werden und wenn es gilt die Kultivierung jener regressiven Bedürfnisse unserer Klienten zu verhindern, die zu Passivität und einem Mangel an Eigenverantwortlichkeit führen, gilt es mit Odysseus das Ruder umzulegen und eine neue Richtung einzuschlagen: Indem wir ... 

  • uns als Elternfiguren verweigern,
  • den Klienten auf seine eigenen Ressourcen verweisen und
  • die Befriedigung regressiver Erwartungen mit Blick auf die Möglichkeiten einer erwachsenen Realität freundlich, aber bestimmt verwehren,

beugen wir der Gefahr einer Infantilisierung unserer Klienten vor. Wir stärken ihre erwachsene Autonomie. Und wir unterstützen somit den Abschied von jener lieb gewonnen Illusion, die durch die “süßliche Milch” der Regression die illusionäre Hoffnung erweckt, dass in der Gegenwart die Verletzungen der Vergangenheit ungeschehen gemacht werden könnten. Soweit der entscheidende Vorteil dieses oftmals eher konfrontativen Kurses, den wir jetzt eingeschlagen haben. 

Sollten wir als Behandler allerdings davon ausgehen, dass dieser Ansatz ohne Risiko wäre, mag es sein, dass wir im Sinne der Odysseus-Legende Charybdis erfolgreich zwar ausweichen konnten, um schlussendlich von Skylla gefressen zu werden. 

Der Vorteil, uns als Elternfigur zu verweigern, wendet sich leicht zum Nachteil, indem wir nämlich mit allen Interventionen, die darauf abzielen, die Verantwortung für sein Wohlergehen ausschließlich beim Klienten zu lassen, jenen Verletzungen neue Nahrung zu geben, die unsere Klienten nur allzu gut kennen: nämlich von Elternfiguren im Stich gelassen worden zu sein - jedenfalls dann, wenn man sie zur Befriedigung der eigenen Beziehungsbedürfnisse seinerzeit dringend gebraucht hätte. 

Kurz: Indem wir den Abschied von der lieb gewonnenen Illusion, die Vergangenheit ungeschehen machen zu können, fördern, laufen wir stets Gefahr, den Abschied von den Einschränkungen der verinnerlichten Elternfiguren geradezu zu verhindern. 

Immer dann, wenn wir bemerken, dass unsere Klienten in narzisstischer Selbstüberhöhung und Selbstbezüglichkeit ihre Wirklichkeit so zu konstruieren versuchen, dass sie glauben alles alleine machen zu können und auf niemanden angewiesen zu sein, heißt es: mit Odysseus den Kurs zu verändern und der Therapie- und Beratungsbeziehung eine neue Richtung zu geben. 

Es gibt also keine richtigen und falschen Interventionen: jede Intervention hat einen Vorteil und einen stets zu bedenkenden Nachteil, der korrigiert werden will. Das handlungsleitende Kriterium bei der Auswahl der gewählten Behandlungsinterventionen ist die Frage, welche der dem Behandler möglichen Interventionen im gegebenen
Moment ... 

  • eher „antithetisch“ , das heißt: korrektiv zu den gewohnten Beziehungserfahrungen ist bzw.
  • eher „thetisch“, das heißt: in Übereinstimmung mit den gewohnten Beziehungserfahrungen ist.

In diesem Zusammenhang gilt die Devise: „Mehr vom selben, das nichts bringt, bringt nicht mehr.“

Therapie- und Beratungsprozesse verlaufen in der Regel nicht gradlinig und linear. Erst wenn wir als Behandler die innere Freiheit und Bereitschaft aufbringen, uns mit unseren Klienten auf einen „Zick-Zack-Kurs“ einzulassen, können wir sie wirksam dabei unterstützen, die Odysse ihres Lebens erfolgreich zu meistern. Der Kurs, den wir als Professionals dabei einschlagen, führt in der Regel nicht auf direktem Wege zum Ziel. Vielmehr bewegen wir uns Odysseus folgend im Zick-Zack wie zwischen den beiden Brennpunkten einer Ellipse hin und her, um in der Zusammenarbeit mit unseren Klienten den Engpass zu überwinden, in dem sie sich befinden.