Selbstwirksamkeit und Performance

Die innere Haltung entscheidet

Widerstand - Woran liegt´s, wenn es nicht weiter geht?

Thomas Weil

18.01.2011

Thomas Weil

Worum geht´s? 

Wenn es in der Therapie, in der Beratung oder im Coaching nicht weiter geht, dann stellt sich die Frage, wie es gelingt, die stockenden Therapie- und Beratungsprozesse wieder in Schwung zu bringen. Das Konzept der “Sieben Motive, nichts zu ändern” ist eine wertvolle “Landkarte”, um dem Phänomen des Widerstands auf die Spur zu kommen, das uns bei unserer professionellen Arbeit immer wieder begleitet. Wenn wir mit Hilfe dieser Landkarte das aktuelle Widerstandsmotiv unserer Klienten identifizieren, können wir geeignete therapeutische oder beraterische Interventionen ableiten, die uns weiterbringen.

Auch gewünschte Veränderungen sind riskant

Jede Veränderung - auch wenn sie gewünscht und herbei gesehnt wird - ist für unsere Klienten mit einer kleineren oder größeren Destabilisierung ihres inneren Gleichgewichts, der seelischen Homöostase bzw. einer gewissen limbischen Irritation verbunden.

Es ist daher völlig normal, dass Wachstums- und Veränderungsprozesse, wie wir sie als Therapeuten, Berater und Coaches initiieren und begleiten, für Klienten mit einer gewissen Ambivalenz verbunden sind: Das Neue ist ihnen fremd und riskant, aber dennoch mit einem lustvollen Reiz verbunden, lässt es doch gesteigertes Wohlergehen und eine Lösung der inneren und äußeren Konflikte erwarten.

Das Alte ist leidvoll und macht unglücklich, vermag es doch die ersehnte Befriedigung von Wünschen und Bedürfnissen nicht mehr recht zu erfüllen. Dennoch sind die alten Muster des Denkens, des Fühlens und des Verhaltens bekannt und gewähren im allzu vertrauten Unbehagen Stabilität und Sicherheit, zumal sich die Betreffenden über viele Jahre hinweg gelernt haben, sich mit ihrem Unbehagen irgendwie einzurichten. Und zwar so, dass sie es dabei schlussendlich geschafft haben, mit ihren Einschränkungen zu überleben.

Die Ambivalenz unserer Klienten, die auf der Gleichzeitigkeit von Lust auf Veränderung und Angst vor Veränderung beruht, führt allzu häufig in ein emotionales Patt und bringt die therapeutischen und beraterischen Prozesse immer wieder ins Stocken. Der Frustrationspegel steigt beim Klienten und beim Professional gleichermaßen.

Umso wichtiger ist es, die verborgenen Motive zu kennen, die dafür verantwortlich sind, dass unsere Klienten schlussendlich alles beim Alten lassen und den angestrebten Veränderungs- und Wachstumsprozess aufgeben oder unterlaufen wollen. Unfair und verletzend wäre es jedenfalls, ihnen mangelnde Motivation oder mangelnden Leidensdruck zu unterstellen bzw. durch unsere kritische Konfrontation den Druck zu erhöhen. Im günstigsten Fall mag dies zwar vorübergehend zu einer Anpassung ihres Verhaltens an unsere Vorstellungen und Erwartungen führen. Aber an der inneren Haltung unserer Klienten ändert das nichts. Im ungünstigsten Fall werden die Abwehrmauern nur höher gebaut. Und die therapeutischen und beraterischen Interventionen erzielen am Ende sogar eine paradoxe Wirkung.

Wenn wir jedoch die verborgenen Motive kennen, die dazu führen, dass der sog. “Widerstand” gegen Wachstum und Veränderung entwickelt wird, bieten sich uns differenziertere Ansatzpunkte für die weitere ROMPC®-Behandlung.

Die Motive, nichts zu ändern, sind in den sog. “frontalhirn-geleiteten Schonhaltungen” zu suchen. An die Fixierung dieser inneren Einstellung, deren Auflösung stets mit Angst verbunden ist, können sieben unterschiedliche Motive geknüpft sein: Motive des Widerstands. Um diese Motive des Widerstands gegen Wachstum und Veränderung exakt zu verorten, modifizieren wir ein Konzept der Transaktionsanalyse, das unter dem Titel “Der Nutzen, Spiele zu spielen” (Eric Berne) bzw. “Der Nutzen, im Skript zu verharren” (Richard Erskine) seit vielen Jahren bekannt ist.

Sieben Motive, nichts zu ändern

1. Das biologische Motiv

Streicheln ist eine biologische Notwendigkeit. Wer nicht gestreichelt wird, der verkümmert, oder er wird krank. Eine "Streicheleinheit" ist die kleinste Zuwendungseinheit, die wir empfangen können. Dabei unterscheidet unser Organismus zunächst nicht, ob Streicheleinheiten physischer oder psychischer Natur sind. Maßgeblich ist der Reiz, den wir von unserem Gegenüber erhalten. Durch diesen Reiz wird das limbische System dessen vergewissert, dass wir wahrgenommen werden und für den Anderen eine Bedeutung haben.

Da wir als Menschen im Sinne unserer biologischen Natur "Rudeltiere" sind, erleben wir Ignoranz, Bedeutungslosigkeit und Isolation als ein Bedrohungsszenario, durch das wir uns dem Risiko des sozialen Todes ausgesetzt fühlen. Deshalb nehmen wir in Ermangelung positiver Streicheleinheiten sogar negative Formen der Zuwendung lieber in Kauf, als leer auszugehen und als Folge des befürchteten Streicheldefizits seelisch zu "verhungern". 
Das ist beispielsweise ein Grund dafür, dass Kinder, wenn sie keine Beachtung erfahren, mitunter destruktive Verhaltensweisen zeigen, durch die sie die Erwachsenen provozieren und dazu zwingen, irgendwann reagieren zu müssen. Auch wenn deren Reaktion in der Regel nicht besonders positiv ausfällt. Eine negative Reaktion ist besser als gar keine!

Das ist auch ein Grund dafür, dass bei Mitarbeitern, die sich von ihrer Führungskraft vernachlässigt fühlen, häufig die Fehlerquote steigt. Auf diesen Umstand wird die Führungskraft früher oder später ebenfalls reagieren müssen.

Die beschriebene Dynamik ist den Betreffenden in der Regel nicht bewusst und von dem limbischen Drang, das biologische Überleben zu sichern, getrieben.
Spezifische Zuwendungsformen bzw. spezifische Sets von Streicheleinheiten, die uns zuteil werden, sorgen dafür, dass unsere Beziehungsbedürfnisse befriedigt und unser "Beziehungshunger" gestillt wird. Wenn dies der Fall ist, entwickeln wir uns und leben im Einklang mit unserem Gegenüber und mit uns selbst.

Wir leben allerdings in keiner paradiesischen Welt. Deshalb kennen wir in der Regel beides: bestimmte Beziehungsbedürfnisse wurden und werden befriedigt, andere nicht. Insbesondere im Blick auf die Bedürfnisse, die keine oder keine hinreichende Befriedigung erfuhren, haben wir kompensatorische Lösungsansätze entwickelt, durch die wir Vorsorge dafür getroffen haben, nicht leer auszugehen.

Sandra stand als ältere Schwester stets im Schatten ihres zwei Jahre jüngeren Bruders. Er wurde - wie sie sagte - “verhätschelt”, und für sie hatten die Eltern kaum Zeit. Oft hatte man ihr gesagt "Du bist doch schon groß" und vermieden, ihr in ähnlicher Weise Aufmerksamkeit zu schenken, wie sie dem kleineren Bruder zuteil wurde. Ihr "Beziehungsbedürfnis nach Initiierung" wurde chronisch missachtet. 

Sandra hatte gelernt: Zuwendung und Beachtung bekomme ich nur, wenn ich mich um meinen kleinen Bruder kümmere, meine eigene Bedürftigkeit zurückstelle und meine Eltern entlaste. Als Substitut für ihr ursprüngliches Beziehungsbedürfnis bzw. als “kompensatorisches Beziehungsbedürfnis” hatte sie das "Beziehungsbedürfnis, etwas zu geben", für sich in den Vordergrund gestellt und über ihr missachtetes Bedürfnis nach Initiierung gesetzt. Als Folge ihres ausgeprägten Helfermusters, das sie fortan an den Tag legte, ist Sandra heute von akutem Burnout bedroht. Denn sie ist immer dazu bereit, sich für andere zu verausgaben und für sich selbst nur wenig zu erwarten und in Anspruch zu nehmen.

An ihren einmal substitutiv bevorzugten Streicheleinheiten sowie an ihren kompensatorischen Beziehungsbedürfnissen halten Menschen oftmals vehement fest - und zwar auch dann, wenn sie in kognitiver Hinsicht längst wissen, dass sie sich damit keinen Gefallen tun. Denn das biologische Motiv, nichts zu ändern, schützt sie vor der Gefahr des limbisch befürchteten sozialen Todes.

Für eine ROMPC®-Behandlung ist dieses biologische Motiv, nichts zu ändern, insofern bedeutsam, als es meist ratsam ist, dem kompensatorischen Beziehungsbedürfnis, das der Klient auch in den Vordergrund seiner Beziehung zu uns stellt, zunächst den erwarteten "Streicheltribut" zu zollen - selbst dann, wenn uns als Professionals das damit einher gehende Verhalten als übertrieben, unangemessen oder bizarr erscheint.

Die übertriebene Rücksichtnahme und Bescheidenheit, bestimmten Sandras Umgang mit mir, als ich sie in der Beratung kennen lernte. Ihre Sorge war groß, mit ihren Themen für mich eine Zumutung zu sein. Und in vorauseilendem Gehorsam war sie darauf bedacht, meine Fragen gehorsam, korrekt, umfassend und erschöpfend zu beantworten. Auch wenn ich sie gerne immer wieder damit konfrontiert hätte, dass sie die Klientin sei und dass sie das Recht dazu habe, etwas von mir zu erwarten und sich mir zumuten zu dürfen, stellte ich diese Konfrontation zunächst zurück und bedankte mich für ihre ausgeprägte Rücksichtnahme und für ihr großes Interesse an meinem Wohlergehen. 

Durch meinen Dank fühlte sie sich verstanden. Erst als ihr Beziehungshunger, der sich durch das kompensatorische Beziehungsbedürfnis, etwas geben zu wollen, mitteilte, wie gewohnt gestillt war, war es möglich, den Fokus auch auf ihre eigene Bedürftigkeit und ihren eigenen Mangel zu lenken. Erst als in der subjektiven Wahrnehmung die Gefahr, im Blick auf Streicheleinheiten leer auszugehen und die Gefahr des befürchteten sozialen Todes, für Sandra gebannt waren, wurden die entsprechenden limbischen Ängste und das biologische Motiv, nichts zu ändern, nicht mehr getriggert. Und der Weg war frei, in ihrem Entwicklungsprozess weiter zu gehen.

2. Das existenzielle Motiv

Die Welt, in die wir hineingeboren werden, ist eine Welt voller Überraschungen - angenehme und unangenehme Überraschungen. Sich in dieser Welt zurecht zu finden, fällt uns nicht immer leicht. Denn der Sinn der Erfahrungen, die wir machen, erschließt sich uns nicht von selbst. Sich die Wirklichkeit so zu konstruieren, dass sie Sinn macht, ist eine existenzielle Herausforderung, die uns ein Leben lang begleitet. Wenn es uns nicht gelingt, diese Herausforderung zu bewältigen, fühlen wir uns von Sinnlosigkeit eingeholt und bedroht. Wir verlieren Hoffnung und Perspektive. Und im Einzelfall werden wir sogar suizidal. 

Wenn es darum geht, Sinn zu finden, dann entwickeln wir Dank der uns eigenen Kreativität Konstrukte der Wirklichkeit, um uns in unserem Leben zurecht zu finden. Wir nutzen auch solche Wirklichkeitskonstrukte, die wir nicht selbst entwickelt, sondern von anderen Menschen übernommen haben. Oftmals ungeprüft und unhinterfragt übernommen. In diesem Zusammenhang übt die Kultur, in der wir groß werden, einen nicht zu unterschätzenden wirklichkeitskonstruierenden Einfluss auf uns aus. Die Summe der Wirklichkeitskonstrukte, von denen wir uns im Blick auf uns selbst, im Blick auf unsere Beziehungen und im Blick auf die Welt, die uns umgibt, leiten lassen, macht unseren "inneren Bezugsrahmen" aus. 

Immer dann, wenn unser Bezugsrahmen in Frage gestellt oder bedroht wird, wehren wir uns, um ihn erbittert zu verteidigen. Unser Frontalhirn stellt dabei die Argumente bereit, die gewöhnlich durch nichts so leicht zu erschüttern sind, beruhen sie doch auf Erfahrungen, die wir gemacht haben und die wir im Sinne unseres Bezugsrahmens als "sinnvoll" erachten. Wird unser Bezugsrahmen jedoch zum Beispiel durch eine Krise nachhaltig erschüttert, dann kommen wir mit Sinnlosigkeit in Berührung. Ein Zustand, den wir tunlichst zu vermeiden versuchen. Ein Zustand, den wir meistens nicht lange ertragen können.

In allen Wachstums- und Veränderungsprozessen kommt es darauf an, den bestehenden Bezugsrahmen zu erweitern, weil die angestrebte Lösung des aktuellen Problems mit den vorhandenen "Bordmitteln" nicht erzielt werden kann, also gewöhnlich außerhalb des bestehenden Bezugsrahmens liegt.
Unsere Klienten würden unsere professionellen Dienstleistungen nicht in Anspruch nehmen, kämen sie mit den Möglichkeiten ihres eigenen Bezugsrahmens alleine zurecht. Gleichwohl erwarten sie von uns, dass wir den von ihnen gewählten Bezugsrahmen weitgehend teilen und unangetastet lassen. Da wir jedoch nicht wirksam sein können, wenn wir diese Erwartung erfüllen, ergibt sich zunächst ein professionelles Dilemma, das uns als Behandler zur “Zielscheibe” des existenziellen Widerstands unseres Klienten macht, welcher dem existenziellen Motiv, nichts zu ändern, entspringt.

Der therapeutische oder beraterische Versuch, die erforderliche Bezugsrahmenerweiterung beim Klienten anzuregen, provoziert bei diesem zwangsläufig eine kleinere oder größere Sinnkrise, die der Betreffende abzuwehren versucht - und zwar durch seine ...

  • einschränkenden Grundüberzeugungen,
  • galoppierenden Gruselfantasien und
  • superlativistischen Selbstansprüche.

Sylvia sagte von sich, sie sei “am Wasser gebaut”. Wenn man sie kritisierte, brach sie in Tränen aus. Unberechtigten Vorwürfen hatte sie gewöhnlich nichts entgegen zu setzen. Alle Schuld suchte sie bei sich selbst. Sich eindeutig abzugrenzen oder zu wehren, war ihr fremd. Und sie beklagte sich darüber, von niemand recht ernst genommen zu werden. 

Als ich sie danach fragte, ob sie schon einmal wütend geworden sei, erschrak sie und erklärte mir, dass sie sich daran wohl nicht erinnern könne. Sylvia hatte große Angst vor ihrer eigenen Aggression. Sie befürchtete, die Kontrolle über sich selbst zu verlieren, wenn sie die Gefühle des Ärgers und der Wut in sich zulassen würde (galoppierende Gruselfantasie). Darüber hinaus gab sie mir zu verstehen, dass dies auch nicht ihre Art sei, weil sie schon immer in ihrem Leben auf Harmonie bedacht gewesen sei (einschränkende Grundüberzeugung). Und schließlich, so fuhr sie fort, sei sie meistens am besten gefahren, wenn sie sich darauf konzentrieren würde, Fehler grundsätzlich zu vermeiden und anderen keinen Anlass dafür zu bieten, sie zu kritisieren. Der superlativistische Perfektionsanspruch, unter dem sie stand, war hierbei unverkennbar.

Einschränkende Grundüberzeugungen sind der reflektorische Niederschlag unvollendeter Beziehungserfahrungen. Die Fixierung darauf, ein scheinbar harmonischer Mensch zu sein, war für Sylvia die Folge entsprechender kindlicher Beziehungserfahrungen, in denen die Eltern keinen Widerspruch duldeten und das Kind als “Sonnenschein der Familie” attributierten.

Galoppierende Gruselfantasien sind die Projektionen erlittener Verletzungen der Vergangenheit in die Zukunft. Der befürchtete Kontrollverlust und die Angst vor seinen verheerenden Folgen beruhte auf dem verinnerlichten väterlichen Modell: Sylvia beschrieb ihren Vater als jähzornig, der - immer dann, wenn er sich über etwas ärgerte - emotionale “Ausraster“ produzierte, die bisweilen auch mit körperlichen Gewalttätigkeiten verbunden waren. Gewalt, die sich zum Entsetzen der Tochter meist gegen seine Frau, also ihre Mutter richteten. So wollte Sylvia nicht sein. Doch sie befürchtete, wie ihr Vater zu werden, wenn sie den verborgenen Ärger und die zurückgehaltene Wut in sich selbst zuließ.

Superlativistische Selbstansprüche sind der Versuch, den beeinträchtigten Handlungsspielraum kompensatorisch auszugleichen. Mit dem Bemühen, die eigene Perfektion weiter zu optimieren, hatte Sylvia die Hoffnung verknüpft, auf diese Weise den eigenen Unwiderstehlichkeits-Charakter für andere dahingehend steigern zu können, dass man sie irgendwann uneingeschränkt lieben würde und dass sich die genannten Probleme auf diesem Weg eines Tages von selber lösen würden.

Im Rahmen ihrer ROMPC®-Behandlung war es wichtig, den tiefen Sinn dieses Wirklichkeitskonstruktes, das sich Sylvia geschaffen hatte, zu würdigen und die damit verbundene Lebensleistung ausdrücklich anzuerkennen, die die Klientin erbracht hatte. Danach konnte die selbsthypnotische Attraktion an den begrenzenden inneren Bezugsrahmen mit geeigneten ROMPC®-Entkoppelungstechniken aufgelöst werden. Das existenziellen Motivs, nicht zu ändern, verlor seine Bedeutung. Und Sylvia konnte sich auf alternative Sinnkonstrukte einlassen. Neue sinnvolle Interpretationen ihrer Wirklichkeit, die ihr neue Handlungsspielräume eröffneten. Heute ist Sylvia eine selbstbewusste Frau, die sich eindeutig und klar positioniert und es zu schätzen weiß, dass das Leben Spaß machen kann.

3. Das innere psychologische Motiv

Wer erinnert sich gerne an Kränkungen und Verletzungen, die ihm einst widerfuhren? Wer kommt schon gerne mit den Schmerzen längst vergangener Tage erneut in Berührung? Das innere psychologische Motiv, nichts zu ändern, ist von der Sehnsucht getrieben, den Deckel auf der “Büchse der Pandora” zu halten, in der die Erinnerungen an primäre und sekundäre Traumatisierungen der Vergangenheit verschlossen wurden. Belastendes Material, das verdrängt wurde, um die emotionale Not kleiner und erträglicher werden zu lassen.

Manchmal genügt nur ein kleiner Reiz, ein unbedachtes Wort, eine spezifische Geste, ein ungewöhnlicher Geruch oder ein irritierendes Geräusch, um diese Büchse zu öffnen. Und dann kann es passieren, dass die Schmerzen wieder da sind, von denen man glaubte, sie längst hinter sich gelassen zu haben.

Friedhelm war von seinem Bundeswehreinsatz in Afghanistan zurückgekehrt. Er war so froh, endlich wieder zu Hause zu sein und den Schrecken des Krieges hinter sich gelassen zu haben. Aber die schrecklichen Bilder, die er gesehen hatte, ließen ihn nicht mehr los. Die Erinnerungen holten ihn jede Nacht ein. Flashbacks, die ihn nicht wirklich zur Ruhe kommen ließen. 

Friedhelm versuchte sich abzulenken, indem er - wie er mir sagte - “exzessiv Party mache” und dabei in erheblichem Umfang Alkohol konsumieren würde. Am liebsten hätte er seine Gefühle abgestellt. Doch die damit verbundene radikale emotionale Entfremdung hätte aus einem gefühlvollen Menschen einen emotionalen “Zombie“gemacht und ihn vollends in die gesellschaftliche Isolation getrieben. Dabei war es schon schlimm genug, dass er mit niemand über seine grausigen Erfahrungen sprechen konnte, zumal die anderen Menschen in seiner Umgebung sich jedes Mal auffallend irritiert und hilflos zeigten, wenn er Anstalten machte, etwas von dem, was ihn quälte, offenbaren zu wollen.

Als Friedhelm zu mir kam, hatte er die Erwartung, ich solle in ihm “einen Schalter bedienen”, und dann sei endlich der ganze Spuk für ihn vorbei. Dann könne er endlich wieder ein ganz normales Leben leben. Dann wäre er endlich wieder ein ganz normaler Mensch.

Als ich Friedhelm ganz konkret nach den traumatisierenden Afghanistan-Erfahrungen fragte, winkte er zunächst ab. Dies würde ihn nur noch mehr aufwühlen, gab er mir zu verstehen. Er musste sich zunächst mit mir sicher fühlen, ehe wir nach einigen Sitzungen gemeinsam einen ersten Blick in seine Pandora-Büchse werfen konnten. Schritt für Schritt kamen die Facetten des Horrors zum Vorschein, dem Friedhelm in Afghanistan ausgesetzt war.

Die Befürchtung, mit ihren alten Verletzungen noch einmal in Berührung zu kommen, ist für viele Menschen ein Grund dafür, keine professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen bzw. die Therapie, die Beratung oder das Coaching abzubrechen, wenn die alten Wunden noch einmal aufbrechen. Diese Befürchtung ist durchaus berechtigt, zumal der Blick in die geöffnete Büchse der Pandora persönlichkeits-destabilisierend wirken kann. Jedenfalls wenn nicht zuvor durch den Aufbau einer tragenden professionellen Beziehung, durch geeignete Sicherungstechniken (z. B. “Sicherer Ort”) sowie durch Maßnahmen zur Erhöhung der eigenen Stresstoleranz (horizontales ROMPC®) hinreichend für den Schutz des Klienten gesorgt wurde.

Auf dieser Basis kann der Blick in die Büchse gewagt werden. Die Behandlungsansätze des “vertikalen ROMPC®” sind dazu geeignet, ...

  • den Traumawurzeln auf die Spur zu kommen,
  • die unterdrückten Gefühle sowie die missachteten Beziehungsbedürfnisse zu identifizieren,
  • die Angst vor dem Schrecken der Vergangenheit los zu lassen und
  • die Attraktion an das Trauma zu überwinden.

Auf diese Weise konnte Friedhelm die belastenden Erfahrungen, die er gemacht hatte, hinter sich lassen. Das innere psychologische Motiv, nichts zu ändern, war überwunden.

4. Das äußere psychologische Motiv

Wer sich mit anderen Menschen einlässt, setzt sich einem erhöhten Beziehungsrisiko aus. Sich gegenüber anderen zu öffnen, räumt diesen die Chance ein, mich zurückweisen, enttäuschen und verletzen zu können. Wenn ich bereits über einschlägige negative Erfahrungen verfüge, ist es nicht unwahrscheinlich, dass ich diesem Risiko aus dem Weg gehen will.

Dann kann es passieren, dass ich als Folge des “äußeren psychologische Motiv, nichts zu ändern” anderen keine Chance gebe, mir nahe zu sein und dass ich mich vor ihnen verschließe.

Johannes hatte seine Frau vor einem Jahr bei einem tragischen Verkehrsunfall verloren. Sie habe, wie er mir gegenüber erläuterte, bei einem Überholversuch leichtfertig ihr Leben auf´s Spiel gesetzt. Und obwohl er sie so sehr liebte, habe sie den tödlichen Ausgang dieses Manövers billigend in Kauf genommen. Sie habe ihn “einfach verlassen“. So interpretierte er für sich den Tod seiner Frau. Und die Verlassenheit, unter der er litt, quälte ihn sehr.

Nie wieder wolle er in Zukunft einem Menschen noch einmal die Möglichkeit bieten, so mit ihm umzugehen. Deshalb könne und wolle er sich auf keinen Fall wieder binden. Inzwischen sei allerdings eine neue Frau in sein Leben getreten, für die er durchaus “gewisse Sympathien” empfände und die, wie es ihm schien, ihm gegenüber ebenfalls signalisiere, Interesse an einer Beziehung mit ihm zu haben.

Im Rahmen seiner ROMPC®-Behandlung war es erforderlich, das vermeintliche Beziehungsrisiko ernst zu nehmen, also keinesfalls klein zu reden. Das Ernstnehmen dieses befürchteten Risikos ist die Voraussetzung dafür, die in die Zukunft projizierten Beziehungsängste einer ROMPC®-Behandlung zuzuführen, um sie aus der traumabedingten Übersteigerung auf eine realistische Größenordnung zurück zu führen.

Inzwischen hat es Johannes gewagt, sich noch einmal zu binden. Er hat es gewagt, sich gegenüber der Frau zu öffnen, die seine Sympathien bereits entfacht hatte. Und er hat es zugelassen, dass sein Herz von einem anderen Menschen berührt wurde.

5. Das innerlich soziale Motiv

In Gestalt unseres “inneren Teams” tragen wir die verinnerlichten sozialen Erfahrungen, das heißt: Beziehungserfahrungen unserer Lebensgeschichte in uns. Die Agenten unseres inneren Teams, auch “blinde Passagiere” genannt, können uns in unserem gegenwärtigen Leben unterstützen, um die Herausforderungen zu meistern, die sich uns heute stellen. In diesem Fall erweisen sich unsere inneren Instanzen als wertvolle Supportgeber, die unser Leben bereichern.

Wenn wir uns jedoch nicht so verhalten, wie diese Instanzen von uns erwarten, dann kann es passieren, dass sie uns mit feindseligen Einflüsterungen bedrohen und in Gestalt der inneren Konflikte, die sie uns bescheren, das Leben schwer machen. Dann stellen sie uns negative Konsequenzen in Aussicht, die uns mitunter verzagen lassen.

In den inneren Konflikten, die wir erleben und in den inneren Dialogen, die wir dabei führen, leben die alten Familiendramen noch einmal auf. Meistens sind es bekannte “innere Stimmen”, die uns mit Verboten belegen oder uns die Erlaubnisse vorenthalten, die wir eigentlich brauchen, um uns innerlich frei zu fühlen, das zu tun oder das zu lassen, was wir eigentlich wollen.
Annika träumte davon, sich selbständig zu machen. Sie hatte die besten Voraussetzungen dafür: eine zündende innovative Geschäftsidee, die entsprechenden fachlichen Qualifikationen, das erforderliche Startkapital und verlässliche Partner, die schon lange bereit standen.

Jedoch immer dann, wenn es darum ging, diesen Traum Wirklichkeit werden zu lassen, scheute sie vor dem entscheidenden Schritt in die Selbständigkeit zurück und zog es vor, jene abhängige berufliche Tätigkeit weiter zu führen, die ihr - wie sie sagte - “so sehr verhasst” sei und die sie schon lange nicht mehr mit “Befriedigung erfüllen” würde.

Auf die Frage, was sie denn davon abhielt, den entscheidenden Schritt zu tun, verwies sie auf ihre “innere Unke”, die mit ihrer Schwarzmalerei das Scheitern missmutig herauf beschwor. Wider alle Vernunft scheute Annika immer wieder zurück, das zu tun, was sie eigentlich wollte, wenn sie der inneren Stimme Aufmerksamkeit und Gehör schenkte.

Im Verlaufe unserer Beratung erwies sich die innere Stimme als die “verinnerlichte Mutter”, die der Tochter nicht nur nichts zutraute, sondern die sich darüber hinaus von einem möglichen Erfolg ihres Kindes in ihrem eigenen Selbstwert bedroht fühlte.

Wenn es gelingt, den blinden Passagier, der uns ausbremst, zu identifizieren und als eigenständigen Persönlichkeitsanteil erfolgreich mit ROMPC® zu behandeln, dann kommt es zu einer Metamorphose, in der sich die feindselige innere Instanz zu einem wertvollen Supportgeber verwandeln kann. Der Klient kann damit aufhören, Dienstleister des “verinnerlichen Familiensystems“ zu sein.

Annika hat inzwischen Frieden mit der verinnerlichten Elternfigur geschlossen. Sie hat damit begonnen, sich in beruflicher Hinsicht selbst zu verwirklichen. Die innere Mutter hat sie mit der ermutigenden Erlaubnis, erfolgreich zu sein, auf dem Weg in ihre Selbständigkeit begleitet. Das innerlich soziale Motiv, nichts zu ändern, hatte seinen Antrieb verloren.

6. Das äußere soziale Motiv

Probleme und Schwierigkeiten sowie unangenehme Erfahrungen bieten eine Menge Gesprächsstoff. Manche Menschen wetteifern darum, das größte Problem, die schlimmste Krankheit und die schrecklichste Lebensgeschichte zu haben. Die Verlockung ist groß, aus erlittenem Unheil, wenigstens einen gewissen “sekundären Krankheitsgewinn” zu ziehen.

Manchmal scheint es sich sogar als Vorteil zu erweisen, bestehende Schwierigkeiten beizubehalten, weil eine Lösung der Probleme die Grundlage für den sekundären Krankheitsgewinn raubt.

Claudia war von heftigen Selbstzweifeln geplagt. Nach einigen Sitzungen war der Durchbruch geschafft. Sie sagte, sie “glaube jetzt an sich selbst” und verließ glücklich und zufrieden meine Praxis.

Als ich sie drei Wochen später wieder sah, wirkte sie ärgerlich und gereizt. Vorwurfsvoll gab sie mir zu verstehen, dass ich daran schuld sei, dass es ihr besser ginge und dass sie jetzt nicht mehr wisse, worüber sie abends mit ihrem Mann reden könne. Claudia machte mich dafür verantwortlich, dass ich sie mit ihrem Wohlergehen der zentralen Gesprächsgrundlage für ihre Partnerschaft beraubt und zu einer Entleerung ihrer Beziehung beigetragen habe.

Das äußere soziale Motiv, nichts zu ändern, kann heftigen Widerstand gegenüber dem angestrebten Wachstums- und Veränderungsprozess freisetzen, zumal mit Blick auf den sekundären Krankheitsgewinn nicht außer Acht gelassen werden darf, in welchem Maße sich eingespielte Beziehungen verändern, wenn sich einer in der Beziehung ändert. Die systemischen Auswirkungen der Veränderung einer Einzelperson wollen bedacht und berücksichtigt werden, wenn diese Veränderung nachhaltig sein, das heißt: Bestand haben soll.

Angesichts des möglichen sekundären Krankheitsgewinns geht es darum, alternative Kommunikationsstrategien zu entwickeln, die ...

  • den Partner in den Prozess der Veränderung mit einbeziehen,
  • darauf abzielen, seine Angst vor der Veränderung zu reduzieren,
  • ihn für die Veränderung gewinnen und an dem Prozess der Veränderung zu beteiligen.

Im Einzelfall kann es auch angeraten sein, sich in einem neuen Bezugssystem zu verankern - jedenfalls dann, wenn die gegensätzlichen Interessen der Betroffenen so erheblich sind, dass eine Verständigung nicht gelingt und die Neuorganisation der gemeinsamen Beziehung nachhaltig scheitert.

7. Das physiologische Motiv

Die innere Haltung, die wir gegenüber uns selbst, gegenüber den anderen und gegenüber dem Leben einnehmen, manifestiert sich in unserem Körper. Unsere “Körperhaltung” ist uns vertraut. Sie zu verändern, wird häufig als unangenehm empfunden und tut manchmal körperlich geradezu weh. Ein Grund, weshalb Massage und physiotherapeutische Übungen anfangs häufig mit Schmerzen verbunden sind, ehe sich der lösende Effekt einstellt. Ein Grund, weshalb Menschen, die ihr Gewicht verändern, manchmal berichten, sich in ihrem Körper zunächst nicht mehr zu Hause fühlen.

Den seelischen Schonhaltungen, die wir einnehmen, wenn wir einen inneren Konflikt ausklammern wollen, entsprechen körperliche Schonhaltungen, die - psycho-somatisch betrachtet - vielfach in limbischen Blockaden wurzeln. Das physiologische Motiv, nichts zu ändern, zielt darauf ab, diese körperlichen Schonhaltungen bzw. die physiologische Homöostase aufrecht zu erhalten.

Stress-, Trauma-, Lern- und Erfolgsblockaden sind limbische Blockaden. Der mit diesen Blockierungen einher gehende “limbische Verhaltungsreflexes” führt zu einem traumabedingtes Einfrieren der ursprünglichen Bewegungsimpulse und hinterlässt seine physiologischen Spuren im Körper - und zwar sowohl in Gestalt körperlicher, das heißt: muskulärer Verspannungen, als auch in Form von eingeschränkten oder abgerissenen Bewegungsabläufen.

Fred ging durch´s Leben wie eine personifizierte Entschuldigung. Sein Kopf war gesenkt, und seine Schultern hingen herab. Seine Gesicht wirkte blass. Die Mundwinkel wiesen nach unten. Fred vermied es, Blickkontakt aufzunehmen und wich den Blicken anderer Menschen aus.
Bei dem Versuch, ihn durch geeignete Körperübungen aufzurichten sowie bei der Aufforderung, mir in die Augen zu schauen, reagierte er panisch und wollte am liebsten den Raum verlassen.

Er gab an, das dritte Kind seiner Eltern zu sein und bezeichnete sich selbst als “Betriebsunfall”. Als “ungewolltes Kind” hatte Fred versucht, die ihm entgegen gebrachte Ablehnung seiner Eltern dadurch zu schwächen, dass er die alleinige Verantwortung für sein Dasein schuldhaft auf sich nahm, was sich in seiner Körperhaltung deutlich niederschlug. Darüber hinaus hatte er gelernt, sich unscheinbar zu machen: indem er vermied zu sehen, gesehen zu werden, versuchte er die Illusion der Unscheinbarkeit vor sich selbst aufrecht zu erhalten.
Wenn man durch körpertherapeutische Interventionen oder Übungen die körperlichen Blockaden löst, werden in der Regel die limbischen Ängste frei gesetzt, die für diese Blockaden verantwortlich waren.

Als es mir in zahlreichen Wiederholungsschleifen gelungen war, Fred zu vergewissern, dass er bei mir willkommen sei, hob er seinen Kopf und blickte mir zum ersten Mal in die Augen. Emotionales Rückspiegeln und ent-ängstigende Interventionen haben sich in seiner ROMPC®-Behandlung als besonders hilfreich erwiesen, während bedrängende oder invasive körpertherapeutische Techniken allzu leicht re-traumatisierend wirken können.

Fazit

Wenn es in der Therapie, in der Beratung oder im Coaching nicht weiter geht, dann stellt sich die Frage, wie es gelingt, die stockenden Therapie- und Beratungsprozesse wieder in Schwung zu bringen.

Das Konzept der “Sieben Motive, nichts zu ändern” ist eine wertvolle “Landkarte”, um dem Phänomen des Widerstands auf die Spur zu kommen, das uns bei unserer professionellen Arbeit immer wieder begleitet. Wenn wir mit Hilfe dieser Landkarte das aktuelle Widerstandsmotiv unserer Klienten identifizieren, können wir geeignete therapeutische oder beraterische Interventionen ableiten, die uns weiterbringen.

Quelle
Thomas Weil und Martina Erfurt-Weil
Selbstwirksamkeit und Performance.
ROMPC®-Kompendium.
Theorie- und TrainingshandbuchKassel 2010

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