Selbstwirksamkeit und Performance

Die innere Haltung entscheidet

Täterintrojekte

Heinz-Günter Andersch-Sattler

17.02.2013

Heinz-Günter Andersch-Sattler

Täterintrojekte und ihre Funktion

“Täterintrojekte” sind definiert als Übernahme des Verhaltens und der Einstellung des Täters dem Opfer gegenüber, als ob der andere in einem selbst zu leben begänne und somit zum dauernden Begleiter wird: „als Rollenbild, als Interaktionsmodell, als Täterintrojekt, als Imitat“ (Peichl (2007a), S. 112), das auch das Verhalten des Opfers sich selbst gegenüber betrifft.

Diese Introjizierung unterscheidet sich von introjizierten Elternanteilen. Letztere können gleichfalls aufgrund von gewaltsamen Handlungen der Eltern entstanden sein. Sie können sich aber auch aufgrund von liebender Anteilnahme des Kindes am Schicksal der Eltern entwickelt haben.

Bei einer Introjizierung infolge gewaltsamer Handlungen eines oder mehrerer Täter kommt es dazu, dass die Opfer sich mit dem Glaubenssystem des Täters identifizieren und sich z.B. selber für verachtenswert und bestrafungswürdig halten und diese Bestrafung dann sogar auch an sich selber vornehmen.

Diese Phänomene beobachten wir bei der Multiplen Persönlichkeitsstörung (MPD – multiple personality disorder), wo es mindestens einen Persönlichkeitsanteil gibt, der einem Täterintrojekt entspricht. Erstmals genauer erforscht wurde diese Symptomatik in Zusammenhang mit dem Stockholm-Syndrom.

1973 befanden sich mehrere Geiseln insgesamt 131 Stunden in der Hand gewaltbereiter Täter in einer Stockholmer Bank. Die Identifikation der Gruppe der Geiseln mit den Tätern ging so weit, dass diese der Überzeugung waren, die Täter würden sie vor der Polizei schützen. Dieser Vorgang kommt zustande, wenn Opfer und Täter gleichermaßen sich auf einem ausgesprochen hohen Stress-Level befinden, „unter dem alle Teilnehmer, sowohl die Geiseln als auch die Geiselnehmer, in einer lebensbedrohenden Umgebung gezwungen sind, ein neues Niveau der Anpassung zu erreichen, um lebendig zu bleiben.“ (Peichl (2007b), S. 236) Diese Art der Bindung scheint eine Art der Stressbewältigung zu sein.

Wenn ich also schon nicht in der Lage bin, die Welt außerhalb von mir positiv zu beeinflussen, dann verändere ich meine innere Welt, so dass ich, wenn ich die Überzeugungen des Täters teile, die Sicherung meines eigenen Überlebens wahrscheinlicher wird.

In diesem Sinne ist die Introjektion „wie ein psychischer Schutz“. (ebd., S. 237) Das Täterintrojekt wird als ich-synton erlebt und ist ähnlich zu bewerten wie beispielsweise Elternintrojekte. Es gehört so zum sog. “Biologischen Life-State”.

Funktional ist das Täterintrojekt ein Helfer in größter innerer Not. Denn, wenn ich so bin wie der Täter  - so die innere Logik -, dann ...

  • kann mir nichts mehr passieren,
  • bin ich selber stark und mächtig,
  • hat er mich wieder lieb,
  • weiß ich, was er als nächstes tun wird.

Der Preis dafür ist allerdings ein großes Stück Aufgabe des eigenen Selbst. Die Introjektionen werden dann im Laufe der Zeit imaginativ immer weiter ausgestaltet (s. ebd., S. 242).

„Primär ist der Vorgang der Introjektion ein Schutzmechanismus in einem Moment, wenn dem Opfer Flucht oder Kampf sinnlos erscheinen; somit dient er dem Überleben und der Anpassung an ein traumatogenes Milieu. Introjektion ist ein imaginativer Versuch, das zentrale Gefühl von Ohnmacht Vernichtungsamgst und Kontrollverlust dadurch zu minimieren, dass ich, wenn ich schon nicht dissoziaitv den Täter im Außenraum ausblenden kann, die Traumaszene in den Innenraum übernehme.“ (ebd., S. 246; s. hierzu auch ders. (2007a), S. 134 ff.)

Dadurch wird der Erfahrung ein Sinn gegeben, statt sie ständig sinnlos und zerstörerisch erleben zu müssen. So ist bei Peichl ähnlich wie im ROMPC® die Auffassung vorhanden, dass das Introjekt zwar als ein Teil des Selbst erlebt wird, es dennoch eher ist wie ein Beifahrer, der einem sagt, welche Richtung man einschlagen soll.

Wenn diese Regression auf ein frühes Funktionsniveau in Folge von Angst und Bedrohung bei Erwachsenen geschehen kann (wie am Beispiel des Stockholm-Syndroms erläutert), um wie viel mehr und stärker muss sie dann bei Kindern in traumatischen Lebenssituationen von Gewalt und sexualisierter Gewalt wirksam sein.

Ein Problem in der Behandlung kann sein, dass wir die Patienten, wenn wir sie von diesen Introjekten befreien wollen, gleichzeitig destabilisieren können, weil das eigene Überleben ohne diese Introjekte bedroht zu sein scheint. Andererseits führen diese Introjekte im Verhalten dazu, dass die Patienten „in ihrem Kern unsicher, missbrauchend, vernachlässigend, distanziert“ (ebd., S. 244) und machtgierig sind. Der Schutz durch das Introjekt taucht vor allem dann auf, wenn aus der Sicht des verletzten Kindes eine Bedrohung entstehen könnte.

So ist ein erster Zugang zur Arbeit mit den Täterintrojekten das Verstehen von deren Funktion für den Schutz des Patienten, so dass das Sinnkonstrukt nicht gleich zerstört werden muss. D.h. ich kann in der Stuhlarbeit mit dem Täterintrojekt genauso arbeiten wie mit jedem anderen Introjekt auch. Es ist nur wichtig, dabei die Schutzfunktion für den Patienten zu beachten und anzuerkennen. Damit erkenne ich das Introjekt an, also eine Leistung des Patienten, nicht aber den Täter und seine Tat.

Wenn das Introjekt durch die verbale Arbeit mit mir vertraut geworden ist, kann ich es allmählich auflösen und verwandeln, es integrieren in seiner Funktion, aber es auflösen in der Täterbindung. D.h. ich kann entsprechende Entkoppelungstechniken einsetzen sowohl beim BLS als auch beim Introjekt.

Beispiel “Stuhlarbeit mit einem Täterintrojekt” 
„Schön, dass wir uns sprechen können.”
“Wie darf ich Sie ansprechen?“
„Sie sind ja sehr wichtig für X, weil sie in gefährlichen Situationen für X auftreten und ihren Schutz für X übernehmen.” 
„Ich frage mich nur, ob das nicht vielleicht auch auf andere Weise geschehen könnte.“
„Wir sind ja beide angetreten, um für einen guten Schutz für X zu sorgen.”
“Wie können wir besser zusammen arbeiten?“

Weitere Verhandlungen mit dem Täterintrojekt.

Wenn es sich aus dem Interview ergibt, ist hier auch schon eine erste Entkoppelungsarbeit hilfreich.

Zurück zum biologischen Patienten: 
„Wie geht es ihnen jetzt?” 
„Was haben sie Neues erfahren?“

Hier ist in der weiteren Arbeit genau auf die Unterscheidung von Täterintrojekt und Täter und dessen Handlung achten, da es an dieser Stelle beim Patienten immer wieder zu Verwirrungen und Verwechslungen kommen kann.

Wenn diese Unterscheidung einigermaßen stabil ist, dann können die introjizierten Täteranteile weniger werden und die Arbeit am eigentlichen Trauma beginnen.

Aber Vorsicht
Wenn es zu Täterkontakt kommen sollte, führt das zu einem Rückfall in die alten Muster.

Literatur

Peichl, Jochen
Innere Kinder, Täter, Helfer & Co. 
Ego-State-Therapie des traumatisierten Selbst, 
Stuttgart 2007a

Peichl, Jochen
Die inneren Traumalandschaften
Stuttgart 2007b