Selbstwirksamkeit und Performance

Die innere Haltung entscheidet

Diagnostische Erkenntnisprozesse

Heinz-Günter Andersch-Sattler

24.05.2014

Heinz-Günter Andersch-Sattler

Diagnostische Erkenntnisprozesse.
Entscheidend ist, was für den Klienten passt und weiter führt!

Lebende Systeme zeichnen sich im Gegensatz zu trivialen Systemen (z.B. Maschinen) dadurch aus, dass sie sich selbst hervorbringen und aufrechterhalten. Dies tun sie durch permanente Veränderung und dadurch, dass sie sich nicht vollständig berechnen lassen und eine große Variabilität an Möglichkeiten aufweisen, die alle gleich gültig sind. Nicht nur soziale Gruppierungen sind Systeme in diesem Sinne, sondern auch der Organismus jedes einzelnen Menschen mit seinen Subsystemen – physischen und psychischen. Insofern können wir jedes Individuum auch wieder systemisch betrachten. Und jedes individuelle System interagiert wieder mit anderen individuellen Systemen und verändert sich aufgrund der Interaktion. Auch der Beobachter eines Systems ist, da er selbst ein sich selbst steuerndes System ist, nicht objektiv.

  • Welche Elemente der Wahrnehmung isoliert er aus dem Fluss der Ereignisse als Wahrnehmungselemente?
  • Wo zieht er die Grenze des Systems, das er beobachtet?
  • Was wird als zum System zugehörig betrachtet, was nicht?

Normalerweise benutzt ein Diagnostiker vorgegebene Diagnoseschlüssel, die Symptombeschreibungen enthalten, die unter bestimmten Oberbegriffen zusammengefasst werden. Der Diagnostiker versucht also, die angegebenen Symptombeschreibungen bei einem lebendigen Gegenüber wiederzufinden, dessen Verhalten entsprechend einzuordnen. Hier sind also die Symptome die Systemelemente, die einer spezifischen Pathologie zugeordnet werden. Die Pathologie ist die übergeordnete Systemebene im System der menschlichen Diagnostik.

Gibt nun dieser Diagnostiker/Beobachter seine Beobachtungselemente wieder – vorausgesetzt ihm sind die Grenzen des beobachteten Systems bewusst –, werden diese vom Beobachteten auf der Basis des eigenen Systems aufgenommen. Die Wiedergabe einer Beobachtung wird so zu einer Interaktion, die wieder beobachtet werden kann usw.

So sind Diagnosen auch immer Interventionen und systemisch gesehen auch nur als solche sinnvoll. Denn systemisch müssen wir nicht unterstellen, dass Diagnosen wahr sind, sondern nur, dass sie eine Wirkung für das beobachtete und das Interaktions-System haben, das aus dem Patienten und dem Behandler besteht. Die Diagnose als Intervention hilft dem Patienten, sich entweder zu stabilisieren oder zunächst zu destabilisieren als Zeichen seiner Bereitschaft zur Veränderung.

Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile (Jakob von Uexküll): Sofern wir einzelne Elemente in Systemen unterscheiden können, treten diese in Austausch. Dementsprechend ist für Systemiker die Wechselwirkung der Elemente untereinander ein wesentlicher Gegenstand der Beobachtung und der Diagnose im obigen Sinne. Jede Veränderung eines einzelnen Elements hat insofern eine Wirkung auf das Gesamtsystem (Ökologie).

Nach diesem Muster funktioniert auch die Technik der Kettensätze oder der unvollendeten Sätze. Indem verschiedene Aspekte in die Fragen einbezogen werden, bildet sich ein Stück weit das Netz der inneren Verschaltungen und Verknüpfungen in Bezug auf ein Problem wieder ab.

So hat jede Veränderung in einem System eine Vielfalt an Gründen. Für den Systemiker ist dabei nicht entscheidend, ob einige dieser Begründungen im logischen Widerspruch zueinander stehen. Entscheidend ist, dass Gründe mindestens einen Teil der Phänomene verständlich machen. Im Gegensatz zu kausal linearen Logiken ist die systemische Logik zirkulär angelegt – ähnlich wie der Beobachter und sein Beobachtetes sich gegenseitig definieren.

Zirkuläre Kausalität umfasst dabei Ketten von Ursachen und Wirkungen, die ihrerseits vorherige Ursachen und Wirkungen beeinflussen und verändern können (Rückkopplungsschleifen). Das so entstehende Netz gegenseitiger Wechselwirkungen (dies ist keine Verdopplung wie „weißer Schimmel“) scheint zunächst hoch komplex und unverständlich und entfaltet seine Logik sowohl in einem allmählichen Entfaltungsprozess als auch in einem plötzlichen Einfall („Aha!“).

Dieser lässt sich in Form von Hypothesen formulieren, die selber bereits eine Intervention darstellen und nicht wahr sein müssen, sondern nur helfen, den Gegenstand genauer zu differenzieren. Entscheidend ist, was für den Klienten passt und weiter führt!